Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 278 (sequence 294)
- Language
- German
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DIE STIMME GESTOHLEN. VON SCHALOM ASOH (WARSCHAU). J. L. Perez gewidmet. Da sie noch Kinder waren, fünf, sechs Jahre alt, spielten sie oft und viel mitsammen, Resele, die Tochter Scheindels, der Krämerin, und Moschele, der einzige Sohn Baruchs, des reichen Getreidehändlers. Jeden Tag waren sie bei einander. Ihre Eltern waren Nachbarn. Reb Baruch freilich wohnte in seinem schönen Hause, und Reseles Mutter in einem engen, finsteren Dachstübchen. Aber doch — es genügte die Nachbarschaft, dass sich Scheindel als zum Hause Reb Baruchs gehörig fühlte, fast wie eine Verwandte, die bei allen frommen und guten Festlichkeiten dabei sein muss, deren es im Hause eines reichen Mannes genug giebt. Ihre Zugehörigkeit aber äusserte sie in ihrer Eigenschaft als Einkäuferin. Sie wusste geschickt und billig einzukaufen und zeichnete sich damit immer ganz besonders aus. Die Kinder kamen täglich mit noch ein paar kleinen Freunden auf der "Wiese zusammen, die hinter dem Hause Reb Baruchs lag. Dort spielte man, lief man, balgte sich. Dort war alles gleich. Und da geschah es nicht selten, dass Resele weidlich auf Moschele loshieb. Moschele aber seinerseits blieb ihr nichts schuldig. Natürlich — noch öfter trieben sie friedliches Spiel und unterhielten sich köstlich mit einander. Und keins hatte auch nur die geringste Scheu vor dem andern. Damals war Resele noch ein schönes Mädchen. Damals war an ihr noch keine Spur von der Krankheit zu merken, die ein Erbübel ihrer Familie war. Ein liebes Kind war sie, mit einem herzigen Gesichtchen, mit grossen, guten schwarzen Augen und langem, lockigem Blondhaar. Reseles blonde Haare zu streicheln, war Moscheies besondere Freude. Geradezu seiu Entzücken aber war es, wenn er dieses Haar beim „Pferdchen"-Spielen recht ordentlich ziehen und zupfen konnte . . . Heute ist Moschele ein junger Mann, für den es sich längst nicht mehr schickt, derartigen Unsinn zu treiben. Eine ganze Menge Leute tragen sich schon mit Heiratsplänen für ihn herum. Und Resele ist ein krankes, armes, gar nicht hübsches Mädchen, das tagsüber im Stübchen sitzt und abends am russigen Herd der Mutter das Essen kocht. Und doch — wenn Resele den jungen Moschele sah, verspürte sie einen ganz eigenen Zug im Herzen. Sie strahlte vor Freude, wenn sie ihn erblickte, in seinem feinen Pelz, das schöne Säckchen für die Gebetriemen unterm Arm. Sie war entzückt, wenn sie ihn rühmen hörte, und ganz ausser sich, wenn man schlecht von ihm sprach. 278