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Jüdischer Almanach · 1904-01-01 · 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe · p. Seite 270

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
Date
1904-01-01
Page
Seite 270 (sequence 286)
Language
German
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IRI
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ein gutes Mittagmalil und eine Geklunterstützung entgegennelimen, das ist wohl noch nirgends vorgekommen." In zwanzig Minuten erreichten wir den Ort. Auf dem Marktplatze inmitten des Städtchens standen drei grosse, mit frischem Stroh gefüllte Bauernwagen. Die kleinen Pferde waren vom Geschirr befreit und frassen aus ihren Hafersäcken. Rings um die Wagen befand sich eine Kollektion von ungefähr hundert Bettlern, in der alle möglichen Gebrechen vertreten waren. Es gab Stumme, Lahme, Hinkende und Stotternde, die Mehrzahl jedoch war blind, und alle Gassenbuben und Müssiggänger der Stadt hatten sich um sie versammelt, um das Schauspiel anzusehen. Man lärmte und schrie wild durcheinander. ■ Der Lahme sass auf einem der Wagen und schlug mit der Krücke auf die Wagenleiter, neben ihm stand der Hagere, den Hals mit einem roten Pflaster verbunden. Die beiden Rädelsführer sprachen zu ihrem Anhang — zu den Schnorrern. „Aha!" rief der Hagere, als er uns und den Diener auf dem Pferde bemerkte, „da kommen sie schon, um uns zu bitten.'' „Zu bitten!-' bekräftigte der Lahme und schlug mit der Krücke auf den Wagen. „Weshalb wollt Ihr auf die Hochzeit nicht kommen, zur Festtafel?" fragten wir, „es erhält doch jeder ein gutes Almosen." „Wieviel?" fragten alle durcheinander. „Das wissen wir nicht, aber Ihr werdet nehmen, wieviel man Euch geben wird." „Wird man jedem einen Rubel zahlen? Sonst fahren wir nicht." „Dann wird die Welt untergehen!" höhnten die Gassenbuben. Die Bettler stürzten sich auf sie und warfen ihnen ihre Knüttel nach. Der Lärm wurde immer grösser. Der Hagere bestieg einen Wagen und erhob sich in seiner ganzen Länge. „Ruhig, Ihr wüsten Krüppel", schrie er alle an, „man hört ja nicht, was hier gesprochen wird. Gebt Ruhe, dass man weiss, was diese Männer sagen wollen." Und sich zu uns wendend, fuhr er fort: „Es bleibt also dabei, meine Lieben, wie man Euch gesagt hat: Erhält jeder von uns einen Rubel, so ist es gut, sonst rühren wir uns nicht von der Stelle. Denn", fügte er hinzu, „wir wissen sehr gut, dass Eisik ohne Armenmahl seine Jüngste nicht verheiraten wird. Und woher sollte er jetzt andere Bettler nehmen? Um von Lunetz welche zu holen, ist es zu weit, und ausserdem müsste er die Trauung aufschieben." „Glaubt man vielleicht, weil wir arm sind, kann man sich schon alles mit uns erlauben?" damit trat jetzt ein neuer Bettler hervor, der sich bis dahin im Hintergründe gehalten hatte, ein Einäugiger mit einem Fetzen um den Mund. „Niemand 270

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