Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 273 (sequence 289)
- Language
- German
- Belongs to
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kann uns zwingen, auf die Hochzeit zu fahren, selbst der Polizeiminister nicht, und auch der Gouverneur kann uns nichts machen. Wir fahren nur, wenn jeder einen Rubel bekommt!" „Einen R—Ru—Rubel!" rief ein Stotterer. ,,Einen Nubel!" näselte der mit der eingedrückten Nase. „Ein Rubelchen! Ein Rubelchen!" schrieen zwei gutgelaunte Bettler. Aus ihren Rufen und Reden klang soviel ingrimmiger Trotz und Zorn, dass der ganze bittere Groll, der sich seit Jahren in ihnen aufgehäuft hatte, sich zu entladen schien. Ihr ganzes Leben lang hatten sie geschwiegen, mussten sie schweigen und die Beleidigungen eines jeden hinunterschlucken, der ihnen einen Groschen oder ein Stückchen Brot mit einem abgeschleckten Knochen hinwarf. Jetzt aber war es das erstemal, dass ihre Galle reden durfte, jetzt durften sie von demselben Vergnügen nippen, das sich sonst nur die Satten, die Reichen und die Grossen gegenüber ihren Dienern und Mägden gestatten durften, das Vergnügen, Launen zu haben. In dieses vielgestammelte Wort „Rubel" ergossen sie ihr ganzes, verbittertes, verjammertes Bettlerherz. Das erstemal wurden sie gewahr, dass die Satten und Wohlhabenden auch ihrer einmal bedürfen, und deshalb wollten sie nicht nachgeben, wollten sie unbedingt Sieger bleiben. Während wir so mit ihnen unterhandelten, kam ein neuer Bote von Reb Eisik und lud alle ein, die Wagen zu besteigen, es würde jeder den verlangten Rubel erhalten. Es entstand ein vielfältiges Lärmen und Schieben. Mit Geschrei und Wehrufen füllten sich die Wagen. „0 weh, meine Hand!" rief der eine, „mein Fuss!" ein anderer, und ein dritter schrie: „Lehn' Dich nicht an meine gebrochenen Knochen!" Aber alle waren sie heiter, und einige begannen sogar zu singen und zu tänzeln. Die kleinen Pferde zogen an, und der vielfältige, fröhliche Lärm fuhr zur Stadt hinaus. Die Gassenbuben schrieen „Hurrah!", warfen mit Steinchen und johlten unausgesetzt hinter uns. Aber den Armen schien es, als ob man sie mit Blumen bewerfen würde, und das Gejohle der Strassenjugend klang an ihre Ohren wie Musik, so glücklich fühlten sie sich in ihrer Siegesfreude. Es war das erstemal in ihrem Leben, dass sie befehlen durften, und ach! sicherlich das letztemal. 273