Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 264 (sequence 280)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/1112869-9323001--271-9304853- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Was für ein guter Mensch, dachte Chaim, mag ihm Gott beistehen! Mit Augen voll Dankbarkeit sah er Leib-Beers an, und beinahe wollte er — so ein Empfinden hatte er plötzlich — ihm um den Hals fallen und ihn küssen. „Nun, wie geht's Dir?" fragte der Gastherr. „Man muss Gott danken! Man lebt!" Das Dienstmädchen brachte ein Glas Thee und stellte es vor Chaim hin. Er sagte ihr: „Danke sehr!", aber schon im nächsten Augenblick bereute er es. Es schien ihm, es könne unpassend sein, einem Dienstmädchen zu danken. Und er wurde rot und biss sich auf die Lippen. „Trink und nimm etwas Eingemachtes dazu!" redete ihm Leib-Beers zu. Ein prächtiger Mensch! Ein prächtiger Mensch! 1 Chaim jubelte innerlich. Er wird gewiss leihen! „Machst Du etwas Geschäfte?" fragte Leib-Beers teilnehmend. „Natürlich," antwortete Chaim stolz, „man handelt, Gott sei Dank, nicht schlechter als die anderen Händler." „Wie steht jetzt Hafer?" Hafer war in den letzten Zeiten gefallen im Preis. Aber Chaim hielt es für angezeigter, zu sagen, dass Hafer gestiegen sei. „Stark in die Höhe gegangen," sagte er in wichtigem kaufmännischen Ton. „Nun, und Du hast etwas Hafer auf Lager?" forschte Leib-Beers. „Doch, doch, ich hab' ein hübsch paar Zentner Hafer, kostet mich gar nicht viel, war sehr billig!" sagte Chaim, sich in die Hitze redend, als ob er nicht in Wirklichkeit schon seit Wochen kein Körnchen Hafers im Speicher hätte. „Und Du bist in der Lage, zu spekulieren?" fragte Leib-Beers weiter, „brauchst gar kein Geld?" „Gott sei Dank!" antwortete Chaim stolz, ,,Geld hat mir nie gefehlt!" Was red' ich da? Entsetzlich! Was hab ich da gethan! fuhr es ihm plötzlich durch den Sinn, und er schrak zusammen vor seinen eigenen Worten, die ihm noch ins Ohr klangen. Wie soll ich ihn jetzt um ein Darlehn bitten? Wie macht man den Fehler gut? Wie schleppt man jetzt den Wagen zurück? . . . Aber Leib-Beers fährt schon dazwischen mit freundlichen Worten: „Das heisst also, Du machst gute Geschäfte, bist ein kleiner Kapitalist?" Meine Feinde mögen solche Kapitalisten sein! wollte Chaim schon antworten, um einzulenken, aber als sein Blick über das frohe Gesicht seines Gastherrn und die blaue Schale mit „Eingemachtem" flog, antwortete er gewichtig: „Gott sei Dank, ich habe mich über nichts zu beklagen." 264