Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 263 (sequence 279)
- Language
- German
- Belongs to
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Cliaim ist nicht mehr weit von Leib-Beers' stattlichem Haus. Er hustet nochmals, streicht den Bart zurecht, betrachtet seine Kleidung: Noch ein ganz gutes Gewand, sagt er sich, als wollte er sich einreden, das Gewand sei gut genug, dass er stolzer sein könne, mutiger . . . Als er aber vor dem grossen Haus stand und ihm die acht breiten Fenster, durch die das helle Licht schlug, entgegenblitzten, fing sein Herz plötzlich heftig zu pochen an. ,,Q, Gott im Himmel, hilf!" entfuhr es ihm, ohne dass er es wollte. Aber bald schämte er sich dessen und fasste sich: -Ah, Dummheit! . . . Er drückte die Thürklinke nieder. Aber in diesem Augenblick entrang sich ihm noch stürmischer das stille Gebet: „Hilf, starker Gott! Die Not geht ans Herzblut! . . ." Leib-Beers sass an einem grossen Tisch, der mit einem strahlend weissen Linnen überdeckt war, und plauderte, indem er ab und zu Thee trank, fröhlich mit seiner Familie. „Ein Mann ist gekommen., Vater!" rief plötzlich mit heller Stimme einer seiner Jungen, als er Chaim. in der Thür stehen sah. „Ein Mann! Ein Mann!" schrie noch fröhlicher der zweite Junge, indem er Chaim mit seinen grossen, schwarzen Schelmenaugen anstarrte. Alle, die am Tische sassen, wendeten jetzt Chaim ihre Blicke zu, und ihm war, als müsste er in die Erde sinken. Nein, nein, halt Dich, es wäre furchtbar, wenn Du jetzt schwäch würdest — sagte er sich, um sich Mut einzuflössen. Er that zwei Schritte vorwärts und, ohne guten Abend zu sagen, brachte er fast stammelnd ein paar Worte hervor: „Ich bin vorübergegangen, versteht Ihr . . . hab gesehen, dass Ihr dasitzt . . . das heisst, dass Ihr zu Hause seid . . . dacht' ich mir, man muss einmal . . . vor sprechen , . . Nachbarn . . ." „Nun, willkommen, willkommen!" sagte Leib-Beers freundlich lächelnd. „Bist ein gern gesehener Gast. Nimm Platz!" Chaim war es bei solcher Begrüssung, als rollten ihm Steine vom Herzen. Er setzte sich still hin, indem er mit einem Seitenblick die beiden Jungen betrachtete. ,,Lea, bring ein Glas Thee für Beb Chaim," befahl Leib-Beers. 263