Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 258 (sequence 274)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/1112869-9323001--265-9304847- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
DAS MARKTGELD. VON ABRAHAM REISEN (WARSCHAU). Der grösste Markt für Klemenke ist Ulas. Die Juden von Klemeuke warten bangenden Herzens auf „Ulas", in das sie ihre ganze Hoffnung setzen. ,,Ulas", sagen die Krämer und Händler von Klemenke, „ist ein Gottessegen. Gäb' es nicht „Ulas", so wäre es längst vorbei mit Klemenke, und Amerika hätte gewiss schon die Klemenker Juden zu sich genommen." Aber für „Ulas" muss man die „Betriebsbasis" haben, der Krämer muss mit Ware versehen sein und der Händler mit —■ Geld. Ohne „Betriebsbasis" ist „Ulas" keinen Schuss Pulver wert Und Chaim, der Getreidehändler, geht herum „wie ein Toter". Drei Tage fehlen im ganzen auf „Ulas", und er hat nicht die erste Kopeke, nichts, rein gar nichts, damit er seinen Speicher für den Markttag aufmachen könnte. Und auf dem Marktplatz in Klemenke bilden sich kleine Gruppen der Getreidehändler. Sie diskutieren lebhaft, indem sie dabei schlechte Cigaretten rauchen und den Kaftan zurückschlagen. Natürlich — man spricht von „Ulas". „Drei Tage von heute um diese Zeit!" sagte einer bedeutungsvoll. „Pss . .!" ruft ein zweiter enthusiastisch aus, „in drei Tagen um diese Zeit wird es „sich brechen". „Sich brechen" bedeutet in der Marktsprache, es wird eine Menge kaufenden und verkaufenden Volkes da sein. Und Chaim wird blass. Er möchte beten, dass der Himmel den ganzen Markt verderbe. Regnen soll es, schneien, stürmen, dass kein toller Hund sich auf den Marktplatz verirrt. Aber Chaim weiss: „Ulas" ist kein schreckhaftes Kind, „Ulas" hat nicht Angst vor dem furchtbarsten Gewitter — „Ulas" bleibt ,,Ulas"! Und Chaim furcht die Stirn, sperrt die Augen auf und denkt und denkt: Marktgeld! Wo bekommt man „Marktgeld?" Wenigstens 25 Rubel . . . Er geht den und jenen an, aber jeder antwortet ihm belustigt: „Bist Du verrückt? Jetzt soll ich Geld übrig haben — vor „Ulas"? . . . Ist er nicht wirklich verrückt? Wenn nicht — Chaim meint, er kann es noch werden. ,,Geh doch hinüber zu Leib-Beers!" rät ihm sein Weib, das die ganzen Tage hindurch seinen quälenden Schmerz mitleidet, ohne dass sie's zeigen möchte. Es scheint, als hätte sie sich jetzt zufällig Leib-Beers' erinnert. 258