Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 243 (sequence 259)
- Language
- German
- Belongs to
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Aber weinen konnte er nicht. Auch damals nicht, als der Lehrer auf ihn zuging, ihm einen Klapps auf die Hand gab und sagte: „Ein Junge hat nicht mit entblösstem Kopf dazusitzen. Noch einmal, und Du bekommst Prügel." Weinen konnte er nicht, aber als er fühlte, dass er nicht weinen könne, wurde ihm schwer, sehr schwer ums Herz. Der Lehrer, ein alter, unwirscher Mann, dem der Junge "nicht |in die Augen sehen konnte, sagte zu ihm: „Schau zu, Chaim, wenn Du das Alef-Beth kennen wirst, wird ein guter Engel herabgeflogen kommen und Dir einen goldenen Groschen geben." Und Chaim lernte mit grossem Eifer und dachte sich: „Ich werde das Alef-Beth kennen und ein guter Engel wird herabgeflogen kommen." Aber als er's kannte und der Lehrer weiterging und einen anderen aufrief, da blickte Chaim sich nach allen Seiten um. „Wo ist denn der Engel?" fragte er den Lehrer. So stand er lange und war nicht zum Portgehen zu bewegen, bis der Lehrer ihn derb züchtigte. Chaim weinte nicht, er dachte nur bei sich: „Der Lehrer betrügt mich, Tatischi betrügt mich, Mamischi, alle betrügen mich — und ich bin kein missratener, schlechter Junge!" Lange schlug der Lehrer auf Chaim los, bis der Junge den Kopf aufhob und ihm geradeaus in die Augen schaute. Da erfasste den Lehrer ein solches Mitleid mit dem Jungen, dass der alte Mann fast hätte weinen können. Als Chaim nach dieser Züchtigung in seine Bank zurückkehrte, sprang Schimeon auf ihn zu, und den Kopf in die Höhe werfend, höhnte er,: „Geprügelter! Aeh, äh! Geprügelter!" Chaim aber antwortete: ,,Tatischi, Mamischi,, der ßebbe, alle betrügen mich. Du aber bist wie ein Hund, ein schlechter." ,,Aeh, äh, Geprügelter!" hub Schimeon von neuem an und spie Chaim an. Da erfasste Chaim ein brennender Zorn. Wütend lief er auf Schimeon zu, biss ihn in die Hand und schrie: „Du schlechter Hund, Du schlechter Hund!" Und noch einmal hat man unseren Jungen im Cheder geschlagen. Und wieder bei den Eltern zu Hause, als sie erfuhren, dass man ihn im Cheder habe züchtigen müssen. „Ein missratener Sohn bist Du," schrie der "Vater, „ein Nichtsnutz, wart', ich will Dich schon Vernunft lehren." Und die Mutter sagte: „Ich Unglückliche, ich bin von G-ott gestraft mit einem solchen Kind! Keiner mag Dich leiden. Ein widerspenstiger, trotziger Sohn wird aus Dir werden." — 243