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Jüdischer Almanach · 1904-01-01 · 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe · p. Seite 242

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
Date
1904-01-01
Page
Seite 242 (sequence 258)
Language
German
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Das aber hat sich oft so zugetragen. Und in seinen schwarzen Augen begann das böse, zornige Feuer öfter aufzulodern-- * * * Unser Bübchen war herangewachsen, und es war Zeit, es in die Schule zu geben. Eines Tages weckte der Vater den Jungen und sagte zu ihm, dass er ihn heute zum Cheder führen werde. „Wozu zum Cheder?" fragte der Junge verwundert. „Damit Du die heilige Thora lernest." Aber der Junge verstand nicht, was der Vater meinte. Der Vater nahm seinen Gebetmantel, hüllte den Knaben ein und trug ihn fort. Dem Jungen ging unter dem Mantel der Atem aus, und es war so finster. „Tatischi", bat er, „wickle auf!" Aber der Vater antwortete nicht. Da wurde der Junge böse, biss Löcher ins Gewebe und strampelte mit den Beinen. Und als ihm der Vater einen Klapps auf die Hand gab und sagte: ,,Range, strample doch nicht!", da hat der Junge wohl aufgehört zu t ranrpeln, aber er begann heftf-g zu weinen. Und im Weinen fiel ihm ein, dass er viel, viel weinen müsse. Er hatte schon so lange nicht geweint . . . Die Jungen im Schulzimmer gefielen ihm sehr gut. Er ging auf jeden zu, blickte einen jeden mit seinen schwarzen Augen an, fragte ihn, wie er heisse, und fügte hinzu: „Ich heisse Chaim, wir wollen Kameraden sein, ja?" Als er sich in eine Bank setzte, kam Schimeon auf ihn zu, ein Junge, der ein sehr schönes Gewand trug, schöne Höschen mit schönen Knöpfen und ein Hütchen mit einem breiten Band. Das war der Sohn des reichsten Mannes. Schimeon betrachtete Chaim von Kopf bis Fuss. Aber unser Junge konnte ihm nicht sogleich in die Augen schauen. Denn Schimeon reckte beim Sprechen den Kopf hoch empor und dabei fuchtelte er so heftig mit den Armen umher, dass Chaim überhaupt kaum etwas sehen konnte. Ihr möchtet gerne wissen, meine liehen Kinder, was Schimeon für Augen gehabt hat? Seht Ihr, ich weiss es selbst nicht. Nicht schwarze, nicht blaue Augen, ganz eigentümliche Augen, die fortwährend nach allen Seiten hin in Bewegung waren . . . Schimeon nahm unserem Chaim ohne weiteres den Hut vom Kopf, drehte ihn hin und her und sagte dann verächtlich zu Chaim: „Gar nicht schön. Ich habe einen schöneren Hut mit einer breiten Borte, sieh mal!" Damit drehte er sich um, kehrte aber bald zurück und sagte: „Solche Hosen, pah!" und ging wieder fort. Chaim war's zum Weinen. Das Herz schlug ihm so heftig. „Warum hab' ich keinen schönen Hut und keine schönen Hosen?" fragte er sich und biss sich fast die Zunge wund vor Scham. 242

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