Mannheim
Compact Memory

Jüdischer Almanach · 1904-01-01 · 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe · p. Seite 244

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdischer Almanach
Volume
1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
Date
1904-01-01
Page
Seite 244 (sequence 260)
Language
German
Belongs to
journal volume
OCR quality
99% known words query
IRI
…/1112869-9323001--251-9304833
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Chaim aber hat seit jenem Tag nicht mehr geweint. Nur zu sich selbst hat er manchmal still gesagt: „Sie alle betrügen mich! Ich bin kein missratener, widerspenstiger Junge." Und Tag für Tag ging Chaim zum Cheder. Und tagtäglich schlug ihn der Lehrer, immer so lange, bis der Blick des Knaben sich fest in den seinen schlug. Und der Junge sprach nichts, weinte nicht. Doch in seinem Kopfe trug er einen schweren Gedanken: Er hatte einmal gehört, dass in der heiligen Thora geschrieben steht, dass irgendwo hinter einem tiefen "Wald ein Berg liegt. Dort in einer Höhle hat Gott die "Winde eingeschlossen und ein Thor mit einem festen Riegel vorgeschoben. Wollte man das Thor öffnen und die Winde herauslassen, dann würden sie die Welt, die ganze Welt, wie sie steht und geht, mit einem Male vernichten. Er hatte auch gehört, dass auf der Thüre vor der Höhle mit grossen Buchstaben geschrieben stünde: „Das Haus der Stürme" und dass ein schwarzer Rabe dort bei Tag und Nacht krächze . . . „Oh, wenn man doch die Höhle finden könnte," dachte Chaim, „dann würde es schon gut werden. Ein einziges Mal öffnen — und schon! ..." Indessen aber wurde unser Junge krank und lag einen ganzen Monat zu Bett. Als er aufstand, hatte er den Berg und die Höhle vergessen, obwohl er bei sich wusste, dass er etwas thun müsse. Was er aber zu thun hatte, daran konnte er sich nicht erinnern. Und als er dann wieder anfing, zum Cheder zu gehen, sehr schwach und ganz blass, und der Lehrer ihn nicht schlug, da beruhigte er sich ein wenig, obwohl tiei im Herzen immer eine Stimme war, die ihm sagte, dass er etwas vergessen habe, was man nicht vergessen dürfe. — — Einmal — damals lernte er schon in der Bibel — sass die Frau des Lehrers in der Stube, schälte Kartoffeln und zankte dabei mit ihrem Mann. Plötzlich schnitt sie sich tief in die Finger. Sofort hörte sie auf zu schelten. Der Rebbe sah, wie das Blut rann und sagte ganz leise: „Kein Schaden!" Und vor lauter Freude nahm er sein Rohr und versetzte Chaim einen Hieb, der ihn ins Gesicht traf. In hellem Zorne entwand der Junge das Rohr der Hand des Lehrers und warf es unter den Tisch. Der Rebbe aber wurde wütend und schlug nun auf den Jungen los ohne Ende. Erst wehrte sich Chaim. Dann aber liess er alles über sich ergehen. Ganz still lag er da. Plötzlich erinnerte er sich an den Berg und an die Winde. Und mit einem Ruck riss er sich los und lief davon — — in den Wald hinein. 244

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.