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Jüdischer Almanach · 1904-01-01 · 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe · p. Seite 241

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
Date
1904-01-01
Page
Seite 241 (sequence 257)
Language
German
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IRI
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sagte es zu sich selbst: „Ich. bin ein kleines Bübchen, ein Närrchen, ich weiss noch nichts. Aber Tatischi weiss alles gut." . . . Von da ab war das Bübchen viel stiller geworden. Es stellte auch nicht mehr so viele Fragen an den Vater wie früher . . . Aber in der Stille hat sein Kinderherz gepocht: „Ob Tatischi wirklich alles so gut weiss?" . . . Förmlich Angst hatte das Bübchen, dem Vater in die Augen zu sehen . . . Und oft versank es in tiefes, tiefes Nachdenken, aber sehr, sehr selten hat es geweint. "Wohl haben sich ihm oft Thränen in die Augen gedrängt, aber die Wangen hinunterrollen wollten sie nicht. Versteht Ihr? In Bübchens Köpfchen, das bis jetzt ruhig und klar war, das bis jetzt nur reine, lichte Gedanken hegte, hat sich ein schwarzes Wort eingegraben. Und die schwarzen Augen sind noch tiefer, noch dunkler geworden . . . * * * Schwer und bitter, meine lieben Kinder, ist es, zu leben, wenn die Augen dunkel werden, wenn sie von Tag zu Tag ihre Klarheit verlieren. Meint nicht etwa darum, weil man mit dunklen Augen etwa nicht leben könnte. Leben können alle, sagte mir immer mein Grossvater, sogar ein Wolf. Aber was für Augen einer hat, eine solche Seele hat er. Klar die Augen — klar die Seele. Dunkel die Augen — dunkel die Seele. Aber weh der klaren Seele, die in die Welt mit Augen schaut, die von Tag zu Tag dunkler werden. Eine klare Seele soll eine klare, reine Welt sehen. Und wenn die Augen dunkel werden, dann spiegelt sich in ihnen die ganze Welt dunkel wieder. Und wenn die reine Seele schon müde wird, die dunkle Welt zu ertragen, dann ist das Leben schwer und bitter, sehr schwer und sehr bitter, meine lieben Kinder. * * * Doch fahren wir fort in unserer Geschichte. Einige Zeit später, als vom Wald kein Baum mehr übrig geblieben war, ist der Schreiber mit seinem Weib und dem Bübchen in die Stadt gezogen. Dort hat der Schreiber fast kein Geld verdient, und sie hatten wenig zu essen. Oft hat das Bübchen zum Vater gesagt: „Tatischi, gib mir zu essen!" Und der Vater hat geantwortet: „Still, Kind, bald wird man Dir geben, bald!" Das Bübchen hat gedacht, man wird ihm auch wirklich bald geben, und so hat es still gewartet und nicht mehr um Essen gebeten, obwohl es sehr gehungert hat. Aber als dann die Mutter kam, um es auszukleiden und zu Bett zu legen, da hat es sich gesträubt, sich mit den scharfen, jungen Zähnen gewehrt und sehr böse dreingeschaut. Und ganz leise, wie zu sich selbst, hat es gesagt „Tatischi hat mich betrogen." 241

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