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Jüdischer Almanach · 1904-01-01 · 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe · p. Seite 240

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
Date
1904-01-01
Page
Seite 240 (sequence 256)
Language
German
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IRI
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warum es so geschrieen habe. Aber das Bübchen konnte gar nicht antworten. Es stöhnte bloss immer.* „Mamischi, Mamischi!" — — Des Morgens, da unser Bübchen noch im Bett lag und sich an seinen Traum erinnerte, befiel es ein grosser Schreck. Keiner war mehr in der Stube. Die Mutter war die Kühe melken gegangen, und der Vater war schon längst im Wald . . . Eine ganz merkwürdige Angst erfasste das Bübchen ... Es stellte sich ans Fenster und schaute hinaus. Und plötzlich befiel es ein grosses Mitleid mit allen Dingen, die es sah und an die es nur denken konnte. Alles hätte das Bübchen küssen mögen, küssen und dazu weinen, und fest, fest alles an sich drücken und umarmen . . . Plötzlich aber erinnerte es sich, was ihm der Vater gesagt hatte: „Närrchen, um das Holz in der Stadt für Geld zu verkaufen." Und es dachte: „Ich bin ein Närrchen. Ich weiss nichts. Aber Tatischi weiss alles" . . . „Ein Närrchen! Ein Närrchen!" murmelte es vor sich hin und ging ins Haus. Draussen sah das Bübchen, wie Motschek und Wojtschech daran waren, einen Baum zu fällen. Es setzte sich ins Gras und sah mit grossen Augen zu. Plötzlich wurde es von einer entsetzlichen Angst befallen: Es kam ihm vor, als bekäme der Baum zwei grosse, lange Arme und Hesse sie jäh herabfallen zur Erde . . . Sicher, um die Axt zu ergreifen! . . . Wojtschech führt einen Hieb mit der Axt, der Baum biegt und bäumt sich vor Zorn . . . Plötzlich hörte das Bübchen ein dumpfes Geräusch, der Baum war umgefallen. Und dann gellte ein Schrei — und das war Motscheks Stimme, und er schrie einmal ums anderemal: „Wojtschech ist erschlagen!" Das Bübchen fiel der Länge nach hin aufs Gras vor Schreck. Es schwindelte ihm vor den Augen . . . Dann, als es hingeeilt war, sah es "Wojtschech liegen mit blutüberströmtem Kopf. Motschek goss ihm Wasser ins Gesicht, aber Wojtschech rührte sich nicht, ächzte nur schwer . . . Das Bübchen fing an zu weinen und weinte so lange, bis es der Vater bei der Hand genommen, heimgeführt und in sein Bett gelegt hatte. Kaum war der Vater zur Thüre draussen, so stand das Bübchen auf und stellte sich ans Fenster. Es sah, wie Motschek und noch ein Bauer Wojtschech beim Kopfe und bei den Füssen packten und aus dem Walde trugen. Mariascha, Wojtschechs Weib, trag* seine Stiefel nach. Sie drehte sie in den Händen hin und her, besah sie von allen Seiten und rechnete aus, wieviel noch dafür zu haben wäre . . . Wojtschech aber lag schon ganz still, ächzte nicht mehr und Hess sich ruhig tragen . . . Wieder musste das Bübchen sehr, sehr weinen. „So haben sich die Bäume gerächt", dachte es bei sich. Aber es erinnerte sich wieder an Vaters Worte, und wieder 240

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