Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 239 (sequence 255)
- Language
- German
- Belongs to
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Unser Bübchen war noch nie in der Stadt gewesen. Und so wnsste es nicht, was das ist: ,Eine Stadt'. Und es wusste auch nicht, was das sei: ,Verkaufen' und ,Geld\ Aber es lernte die ganze Sache auswendig, fragte sich allein und beantwortete sich selbst: „Warum fällt man den Wald'?" „Um das Holz in der Stadt für Geld zu verkaufen" . . . Und so hat das Bübchen immer vor sich hingemurmelt, wenn es das zornige Rauschen des Waldes hörte, der darüber weinte und jammerte, dass man ihm seine Bäume schlug und wegführte. Und zu gleicher Zeit hat sich das Bübchen gesagt: „Tatischi weiss es gut. Nur ich kleines Bübchen weiss noch nichts" .... Einmal ist das Bübchen mitten in der Nacht aus dem Bett gesprungen und hat gar kläglich geschrieen. Es hatte ihm geträumt, dass Motschek und Wojtschech einen Baum umlegten. Gerade fingen sie an, auf den Baum loszuschlagen . . . Da plötzlich riss sich ein anderer Baum, ein hoher, mächtiger Baum, mit seinen Wurzeln aus der Erde. Es war derselbe Baum, unter dem das Bübchen vor nicht langer Zeit eine ganze Nacht gelegen und emporgeguckt hatte zu dem Stückchen Himmel, das durch den breiten Wipfel hindurch zu sehen war . . . Daheim haben sie das Kind voll Angst die ganze Nacht gesucht. Und als der Morgen kam und sie es unter dem Baum schlafend fanden, da haben sie das Bübchen bös geweckt, und es bekam ordentliche Schelte und Prügel. Da musste es sehr, sehr weinen. Es konnte gar nicht verstehen, weswegen man es geschlagen hatte. „Dort unterm Baum" — so dachte es bei sich, „war mir doch so gut — was wollen sie von mir?" . . . Und just derselbe Baum war es, der sich aus der Erde riss und ausschritt, eine Säge in der einen Hand, eine Hacke in der anderen. Und je näher der Baum herankam, nm so ähnlicher wurde er einem Menschen, einem riesigen Menschen mit zwei wilden, brennenden Augen . . . Und jetzt, jetzt hebt er die Hacke hoch empor und schlägt Motschek den Kopf ab und dann Wojtschech. und dann — dann dem Vater, dann der Mutter .... Alle liegen tot. Und er läuft noch immer umher, läuft und läuft und sucht irgend etwas mit seinen brennenden Augen. Und jetzt hat er das Bübchen erblickt und schon schwingt er die Hacke über seinem Kopf. Da hat es laut aufgeschrieen: „Weh mir! Weh mir! Ich bin gar nicht schuld!" — und ist aus dem Bett gesprungen. Die Mutter erwachte und kam rasch zu seinem Bett. Da umschlang das Bübchen sie mit seinen Aermchen, legte seinen Kopf in Mutters Schoss und schluchzte zum Herzbrechen: „Mamischi, Mamischi!" stöhnte es. Und die Mutter bat, es möge doch erzählen, 239