Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 224 (sequence 240)
- Language
- German
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Liebesglück und Umarmungen waren fern von seiner Seele. Der siebzehnjährige Knabe lernte die Sündenstellen in der Gemara mit der naivsten Unschuld. In einer der derbsten Stellen fand er eine Dentungsfrage heraus, mit der er sich an den Rabbi wendete. Das wurde in der Stadt bekannt und rief rohes Gelächter hervor. Aber Leibke wiederholte seine Frage vor jedem, der sie nur hören wollte, glücklich über den eigenen Scharfsinn, glücklich über die unendliche Tiefe der Gemara, in der man noch graben und graben kann. Und er bemerkte nicht das cynische Aufflackern in den Augen seiner Zuhörer und das ekelhafte Lächeln auf ihren Lippen. Er war ein schöner Knabe, von hohem Wuchs und breiten Schultern, die er von Vater und Grossvater und Ahne geerbt hatte, und die die Gemara und das Bankdrücken nicht zu verderben vermochten. Die Mädchen von seiner Gasse und von den nahen Gassen redeten oft von ihm. Am Feste der Gesetzesfreude, beim Herumtragen der Thora, ist seine Rolle am häufigsten berührt worden von Mädchenlippen; und oft presste sich da ein Paar warmer, feuchter Lippen auf seine weiche, weisse Hand, aber in ihm rief der Kuss nicht mehr hervor als ein unangenehmes Gefühl, eine Art von Verachtung für die niedrige Beschaffenheit, die selbst die Thora nicht wie es sich gehört küssen kann, und eine Art von Kränkung für die heilige Thora, mit der er tanzte. Und die siebzehnjährige Waise Hinde, die seine Eltern ins Haus genommen und halb als Dienstmagd, halb als Tochter aufgezogen hatten, war entzückend schön. Und sie liebte ihn, ganz heimlich und ohne Hoffnung. Aber er behandelte sie als Dienstmagd, überhaupt als ein so niedriges Geschöpf, wie ein Mädchen ist. Fremd war er in der Welt, wie der Insasse einer andern ging er herum. Eine ungeborene Seele unter Müden und Ausgemergelten, ein Glücklicher unter Verzweifelten, aber doch ein Schlafender unter Wachen. Und plötzlich kam über ihn das grosse Erwachen . . . Die Wände waren neu ausgeklebt, die Decke geweisst, der Fussboden blank gewaschen. Der Tisch war mit einem neuen Tuche bedeckt, und darauf standen neue Teller und vergoldete Silberbecher und zwei Flaschen mit funkelndem Wein — einfachem Rosinenwein, aber gefunkelt hat er unter dem Schein der grossen Hängelampe, in der ein grosser, runder Docht brannte. Licht füllte die ganze Stube, die Augen wurden nicht müde zu schauen, und die Herzen waren voll Feiertag, in der reinen, lichten, ersten Nacht des Pessachfestes. 224