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Jüdischer Almanach · 1904-01-01 · 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe · p. Seite 223

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
Date
1904-01-01
Page
Seite 223 (sequence 239)
Language
German
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IRI
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Oder in der alten, grauen Zeit des Judenvolkes schwebte sein Geist, lebte in ihr, durchlebte das nicht Zurückkehrende. In jedem Geschlechte der alten Zeit hat Leibke gelebt, mit jedem grossen Manne im Volke Israel war er vertraut, mit jedem hatte er etwas zu thun. Aber der grösste und häufigste Held seiner Gesichte war Moses, der Thorageber. Er, Leibke, ist Moses' Diener, mehr, er ist wie Moses' Kind, wie ein Stück von Moses, eine Ausstrahlung von ihm. Und er hat viel zu thun. Moses verlässt sich auf ihn wie auf sich selbst. Und Moses hat ihm übergeben alle Heimlichkeiten der Thora, alle Deutungen jedes Zeichens. Und wenn er zurückkehrt aus der Traumwelt, nimmt er sich wieder zum Lernen mit einer grossen Glut, um zu suchen und zu finden neue Länder, die noch nicht entdeckt wurden, neue Tiefen, die noch nicht ergraben wurden. Oder in die weite, grosse Zukunft schwebt er hin. Messias ist gekommen, der Tempel ist schon erbaut worden aus den Edelsteinen, welche die Engel geschliffen hatten seit langen Jahrtausenden, und Gott hat die Sonne aus ihrer Scheide genommen, dass die ganze Welt verdorrte vor ihrem Licht. Und er sitzt wieder im Himmel an dem grossen Tische, und man lernt die Thora. Und die Thora steht jetzt in ihrer ganzen Grösse, alle Geheimnisse in ihr sind aufgedeckt, nur das letzte grösste Geheimnis wird Gott jetzt aufdecken, das Geheimnis aller Geheimnisse, und dann wird die grosse Helligkeit kommen, von der die Sonne beschämt sein wird. Aber er weiss schon das letzte Geheimnis, er trifft es, bevor Gott es ausgesprochen hat — —. Und das Herz beginnt ihm so stark zu schlagen, und er nimmt sich wieder zum Lernen, zum Lernen um der Thora willen, um der Süsse willen, um der grossen Bangigkeit willen. In jeder Zeit hat Leibke gelebt, nur nicht in unserer. Er hat das Leben nicht gekannt und die "Welt nicht gewusst. Seine Eltern arbeiteten schwer für ihren einzigen Sohn, und er fragte nicht, wie. Die besten Lehrer hielten sie für ihn, bereiteten ihm die grössten Bequemlichkeiten, und er fragte nicht, woher sie es nehmen. Sie sorgten sich oft wegen der schweren Zeiten, aber er hörte nicht zu und wusste nicht, dass er zuhören soll. Des Vaters oder der Mutter Seufzen riss ihn nicht fort von seiner "Welt. Ein Fremder war er in der AVeit. Fremd ihren Stürmen, ihren Nöten, fremd ihrer Liebe. Der sieh zehnjährige Knabe hatte keine Pläne. Er dachte niemals darüber nach, wie er sein Leben durchkämpfen wird, denn er wusste nicht, dass das Leben durchgekämpft werden muss. Er sah sich sein ganzes Leben lang schwimmen auf einem unendlichen Meere, und das Meer ist die Thora. Und das sollte sein Leben sein, ein unendliches Leben, das sich vor der Geburt hinzieht und über den Tod hinaus unter den schweren Erdschollen des Grabes. 223

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