Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 225 (sequence 241)
- Language
- German
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Und alle Menschen in der Stube leuchteten. Frische Menschen, Feiertagsmenschen. Nicht müde vom Vortag des Festes, weil sie alles langsam gethan hatten, wie die Mutter es gern mochte. Auf den Gesichtern lag ein zartes Glück, auf die Lippen wollte ein Singen treten. Nur der Vater hatte ein fast ernstes Aussehen, wie es einem Fürsten ansteht, der das Recht verkünden soll. Auch Leibke war in der erhöhten Stimmung des Festes. Er, der sonst wenig Melodie in sich hatte, hat jetzt gesungen. Er fühlte eine Ahnung des Paradieses, lebte ein Stück Erlösung. Es kam ihm vor, die Pessachnacht habe sich herabgelassen, weil er sie brauchte. Hinde kam herein, um die Festsitze zu bereiten. Sie war weiss angethan und hatte sich für ihn herausgeputzt, war lang vor dem Spiegel gestanden und hatte Halstücher probiert und sie in immer neuer Art geschlungen. Sie wollte seine Königin sein, und sollte er auch davon nichts wissen. Jedesmal, wenn sie ins Zimmer kam, warf sie ihm einen entzückten Blick zu. Und wie wollte sie, er möchte sie erblicken, sehen, wie schön sie ist. Und Hirsche der Alte, ein entfernter Verwandter, der hier Sabbat und Feiertag zu Gaste war, half ihr die Kissen und die schneeweissen, mit roten Zeichen ausgenähten Ueberzüge auf zusammengestellte Stühle und auf das Sofa legen. Als sie fertig war, sah er sie so an, dass sie ganz rot hinauslief, wissend, dass sie jetzt sehr schön ist, und ihr Herz schlug. Und Hirsche der Alte sagte: „Eine seltene Schönheit, die Hindel!" „Habt Ihr das erst jetzt bemerkt?" fragte der Vater. „Nein, wie sie jetzt ist, habe ich sie noch nie gesehen. Eine eigene, seltene Schönheit." Hinde kam mit den Kitteln herein, und Leibke hob jetzt seine Augen auf zu ihr und sah, dass sie schön war. Die Helle und Festlichkeit des ganzen Zimmers schien in ihrem Gesichte wieder, die ganze Weisse hatte sich gesammelt in ihrem weissen Gesichte, auf ihrer weissen Schürze, in den Falten ihrer weissen Blouse. Er schaute auf sie mit weit geöffneten Augen, gleich als sähe er sie zum erstenmal. Alle seine Gedanken waren verflogen, aber er war nicht ärmer geworden. Er war voll der Strahlen ihres ganzen Wesens, und seine Seele trank in langen Zügen von ihrer Schönheit. Sie erhob zu ihm ihre blauen Augen, und er ist von ihnen mit Licht überschüttet worden. Er umklammerte mit der rechten Hand seinen Rockschoss, und seine Lippen bewegten sich. Er senkte den Blick, wie beschämt, und fühlte sich wie müde von dem Licht, in das er geschaut, von der Schönheit, von der er getrunken 225