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Jüdischer Almanach · 1904-01-01 · 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe · p. Seite 217

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
Date
1904-01-01
Page
Seite 217 (sequence 233)
Language
German
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IRI
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einige Augenblicke in den seinen hielt, während sein ganzer Leib bebte. Sie stand da in dem neuen Kleide, dessen rote Farbe zu lodern schien, und sie selbst glich einer von einer heissen Sonne gereiften Blume, deren Dnft betäuben und töten kann. Und er glaubte, dass das ganze Zimmer in hellen Flammen stand, class sie aus seinem Mund, aus seinen Augen drangen. Er wusste es nicht, wie es kam, dass er plötzlich in ihren Armen ruhte, class sie seine Lippen küsste, seine Augen, dass sie über sein feines, weiches Haar fuhr und dass sie ihn an sich presste. Er lag da mit geschlossenen Augen und schluchzte. Er war so süss, dieser wollüstige Schmerz, und es war soviel eigene Zärtlichkeit in dieser weinenden Hingabe, so märchenhaft war diese Stunde, nach der er die Hände ausgestreckt hatte. Und immer mehr erschlaffend, fühlte er, wie sie mit ihren Küssen all' sein Blut aussog, langsam und stetig. Da wurde plötzlich Thomas' schwarzes, verzerrtes Gesicht am Fenster für einen Moment sichtbar. Es verschwand und dann hörten sie, wie er wütend mit der Peitsche knallte und dazwischen wieherte, wie die brünstigen Hengste, die er auf die Weide trieb. Sie riss sich von Israel los und eilte weg. * # Sie kam nicht mehr. Aber er stand an jedem Abend bis in die Nacht hinein am Fenster lauschend vorgeneigt, als müsste ihr Gesang zu ihm dringen. Von da und dort schien ihre Stimme zu klingen, aber es war nichts als das Rauschen der Weiden, deren herunterhängende, feine Zweige im Mondlicht wie wallendes, goldiges Haar aussahen. Sie war nirgends, aber doch empfand und sah er sie überall. Und Tag kam um Tag, die Nächte häuften sich, die er schlaflos und fiebernd verbrachte. Er sass in seinem Bette, eine Talgkerze in der Hand haltend, und las im Hohenliecle. Er sog die herbe Süssigkeit dieser Worte und Bilder ein Sein Vater erschrak, als er ihn so erblickte, und er sah, dass sein Sohn krank war. Und während der Alte in einem Winkel betete, sah Israel vor sich nur diese eine Vision: Sie lag nackt da mit ihrem weissen, vollen Leib, mitten unter roten Blumen, und. ein blendendes Licht strahlte ihr Körper aus. Sie glich so ganz einem Felde im Frühling, das nach Befruchtung dürstet. Soviel Ruhe war in ihr, soviel Unbewusstheit ihrer stillen Gewalt. So mochte das erste Weib gewesen sein, als ein Mann zu ihm seine Blicke erhob. Sie glich der Sünde nicht mehr, und er konnte nicht mehr wie damals weinen in süsser Hingabe. Sie war heilig und er betete sie an; seine Wünsche versanken. Und so sah er sie immer wieder, wenn er tagsüber wie im tiefen Traum durch die Felder streifte, die nunmehr kahl und in der melancholischen Versunkenheit letzter Herbsttage vor ihm dalagen. War sie nicht da und dort? Im rotgefärbten Kraut, 217

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