Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 216 (sequence 232)
- Language
- German
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sehen Bäuerinnen tragen. Er hatte fast den halben Lohn, den sie für den ganzen Monat erhielt, verschlungen und nun suchte sie den jungen Meister auf, der der berühmteste war in der ganzen Umgebung. Es war volles Licht und ein schwüler Duft von Buchweizen und Feldkräutern in der Stube. Hatte sie ihn mitgebracht oder war er durchs Fenster hereingeweht? Sie stand mitten in diesem Licht, das ihre dicken, blonden Zöpfe, die über ihren weissen Nacken fielen, vergoldete, und sie schaute ihn, dessen feines Gesicht ihr gefiel, lächelnd an, so dass es wie ein Flimmern von ihren weissen Zähnen und den roten, vollen Lippen kam. Er war so zart und fein und glich so wenig den andern; seine Hände, die behutsam ihren Leib berührten, waren so schlank und weiss wie Frauenhände. Und seine weiche Stimme gefiel ihr, die so scheu und sanft klang. Sie selbst war grösser als er, und sie fühlte sich dem noch knabenhaften Jüngling überlegen. Und einen Moment lang hatte sie sich zu ihm geneigt, so class er eine ganz feine Berührung ihres weichen, vollen Körpers empfand und seinen etwas derben, berauschenden Duft. Es war wie der herbe Duft des AValdes im Frühling, wenn tausende scharfe Winde an ihm rütteln. Es dunkelte bereits und er sass noch immer da, das glühende Gesicht in die Hände vergraben. Und in der Stube, vor deren offenem Fenster der Baum sich im Winde wiegte, war noch immer der feine Duft einer Frau, der ersten und einzigen, die er gesehen, und die mit einer brutalen Gewalt sich in seine Sinne drängte. Und in der ganzen schlaflosen Nacht fühlte er, wie jäh das ganze Gewebe seiner bisherigen Träume durchrissen wurde und dass jetzt erst die geliebte Tote begraben war und verschüttet, ja, dass die erst jetzt starb, mit der er noch vor wenigen Stunden gelebt hatte, diese einzige Frau, die er geliebt. Er hatte bisher Mädchen gekannt und Frauen, die er alljährlich am Versöhnungstage in den Bethäusern sah, wie sie die wachsbleichen Hände im Gebete emporstreckten. Und diese Mädchen und Frauen, die nie träumen, und die ihre so früh welkende Schönheit verhüllen, waren ihm Schwestern gewesen und Mütter von Leidensgenossen, diese stets Gebeugten und Schmerzreichen, und nie hatte bei ihrem Anblicke sein Herz von einem anderen Gefühl sich erwärmt, als von Mitleid. Er hatte nie von ihrer süssen Pracht geträumt, nie ihre unheimliche Macht geahnt, sie, die stets demütig Gott danken mussten, dass er sie nach seinem Willen erschuf. Sie kam nun durch einige Tage fast täglich, sie kam und verschwand, immer mit diesem Lächeln auf den schwülen Lippen, und da geschah es, dass er ihre Hände 216