Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 215 (sequence 231)
- Language
- German
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und üppig wie dieser blühende Sommer mit seiner Fülle und seinen glühenden Farben; es ging Sommerglnt von ihr aus, wenn sie mitten in der Feldarbeit die Blicke emporhob, diese sprühenden Blicke voll Verlangen und Stolz zugleich, oder wenn sie die starken Glieder reckte, so dass ihr rotes Tuch ihren vollen Schultern entglitt. Es war etwas wie Sonnenglut in ihrem Gesang, der die Weiten erfüllte und Feuer in die Herzen der Männer goss, und es war wie süsses Gift in ihrem Lachen, das wilde Lust erweckte. Es war Schönheit, leuchtende Schönheit in dieses Dorf zermarterter, geknickter Frauen und wunschloser Männer eingekehrt, fieberhafte Träume in ihnen weckend, Träume bei hellem Licht. All' diese muskulösen Arme der Männer, von der Arbeit gestählt, streckten sich nach dem einen Weibe aus, all' diese sonst schweigsamen, geschlossenen Lippen, über die nie ein zärtliches Wort geflossen, flüsterten ihren Namen. Wenn Haiina in ihrer Kammer sang, so wurde dies von jenen, die um ihr Haus lauerten, wie von all' den Träumern in der fernsten Hütte vernommen. Der Pferdehirt Thomas war von ihr besessen, auch der runzlige Dorfschreiber Janowicz, der wütend sein Weib und seine Kinder schlug in unerklärlichem Hass, und mit ihnen alle, alle, halbwüchsige Knaben und gebräunte Männer. Am meisten Thomas, der gefürchtete Raufbold, der immer die mächtigen Fäuste und das blitzende Messer in Bereitschaft hielt. Er war zuerst seltsam mild geworden und gütig, und sie spielte mit ihm wie mit einem zahm gewordenen Raubtier, setzte sich auf seinen Schoss und raufte seine schwarzen Haare, die in dichten Mähnen über seine Stirn fielen. Sie trat auf seinen Nacken und er hob sie jubelnd empor. Aber einmal, mitten im Kornfelde — es herrschte Sonntagsstille und Einsamkeit — da riss er sie in wilder Leidenschaft an sich, warf sie ins wogende Korn und zerrte an ihren Kleidern. Und da stand sie jäh auf und Brust an Brust kämpften sie, bis er wie betäubt von dem heissen Duft des Weibes hinsank. Sie aber entfernte sich stolz und lachend, dass es weit durch die Einsamkeit klang. Als sie sein verzerrtes Gesicht sah, da rief sie ihm noch zu: „Damit Du es weisst, Thomas, Du bist ein Scheusal und ich verabscheue Dich auch." Als die Ernte beendet war, da setzten ihr die Frauen, die sie hassten, wenn sie von ihr gingen, und anbeteten, wenn sie sie sahen, einen Kranz von Feldblumen aufs Haupt und singend geleiteten sie sie wie eine gekrönte Königin durch das Dorf. Sie war zu Israel gekommen, da sie ein neues Kleid haben wollte. Der Stoff, den sie in der Stadt gekauft, war hellrot und geblümt und feiner als ihn die polni- 215