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Jüdischer Almanach · 1904-01-01 · 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe · p. Seite 212

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
Date
1904-01-01
Page
Seite 212 (sequence 228)
Language
German
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IRI
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das sie für immer verliess, dann vergrub sie ihr Haupt in die Kissen, um den jähen Schmerz niederzukämpfen. Unterwegs, als die milde Luft die Kranke erquickt hatte, da erhob sie sich jäh und es war plötzlich wie ein Leuchten in die matten Augen der Kranken gekommen und wie ein sanftes Lächeln über ihre Lippen. Und sie horchte hin, als ob der herannahende Frühling sie angerufen. „Worauf horchst Du, Leah?" fragte sie ihr Mann fast erschreckt. Sie drückte ihm nur die Hand wie in tiefer Dankbarkeit. Der Sohn aber hatte die Sehnsuchtsvolle von ihrem Schmerzenslager emporgehoben und sie in seine Arme genommen,, so dass ihr Gesicht überstrahlt wurde von einem letzten und wehmutsvollen Glück. Sie streichelte zärtlich seine Wangen und sie flüsterte ihm Worte zu, die ihre langgehegten, stillen Mutterwünsche ausdrückten. „Nun trägst Du Deine hilflose und sterbende Mutter in Deinen Armen, Du liebes Kind, und ich wollte Dich ja emportragen über die goldenen Stufen des Glückes. Verzeihe all' die Schmerzen und habe Dank." Das war Leahs letzter Gruss ans Leben gewesen, denn nur wenige Wochen noch durfte sie in dem Krankenhause der Stadt hinsiechen. „Es ist nicht schwer," flüsterte sie, als sich ihr Mann schmerzvoll über sie neigte, und starb. Sie war in einem rohen Holzsarg eingebettet, als sie sie zur letzten Ruhestätte hintrugen, und sie hatte auch kein anderes Geleite als Mann und Kind, aber es war inzwischen Frühling geworden und Israel war es, als müsste dieser mit seinen lauen Lüften auch zur Toten dringen. Und überall war dann die Mutter mit ihm, durch alle Tage und Stunden des Frühlings. Ihre Seele ruhte gleichsam in der seinen; wie sie, harrte auch er auf ein Wunder und auf kommende Dinge, die namenlos waren. Es war der letzte, kranke Traum der Mutter, der ihn umfing; Leben erwachte, wo Tod war, und Tocl umfing all' sein Aussenleben. Nur dass er jenen erstorbenen Baum vor seinem Fenster wegschnitt, denn nichts durfte ihn an das Siechtum der Geschiedenen mehr erinnern. Draussen aber blühte auf allen Feldern die rote Mohnblume. Als jener Sommer gekommen war mit seiner wundersamen Fruchtbarkeit, da hatte das arme, stille Dorf Fremdlinge an sich gezogen aus den weniger begünstigten Erdstrichen der Heimat, die hier um die Erntezeit Arbeit suchten und fanden. Mit ihnen war auch Haiina eingekehrt, eine junge AVitwe. Sie war so schön, kraftvolL 212

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