Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 211 (sequence 227)
- Language
- German
- Belongs to
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sie that, denn er sah, wie unerbittlich hier ein Leben schwand, von dem ihm, wie eng und entsagungsvoll es auch gewesen, soviel Wärme und Licht gekommen war. Und er sah, wie sie es liebte, dieses Leben, wie sie ringend die Hände ausstreckte, ■um es festzuhalten. Er rang nun mit ihr zusammen. Tagsüber, wenn es freundliches Wetter gab, trug er sie aus ihrem dürftigen Winkelchen in seine freundlichere Werkstätte, öffnete das Fenster und bot ihr Luft und warmes Sonnenlicht. Das Zimmer, -das nie geziert worden, schmückte er mit Blumen, die er draussen zusammenraffte, und das reizvolle Spiel von Farben und Lichtern, für das die Frau in ihrer Jugend, von Arbeit und Sorgen abgelenkt, nie ein Auge haben konnte, labte und entzückte nun die Kranke. Sie waren ihr zarte Grüsse des Lebens. Es gab soviel zu sehen und zu erlauschen vom Leben draussen von der stillen Stube aus, wo neben ihr der Sohn seiner Arbeit oblag. Yor dem Fenster der Baum, der Blüten ansetzte und auf dem Tag um Tag dann die Früchte sich immer mehr entwickelten und heranreiften. Ein anderer, der nicht mehr leben konnte und langsam verdorrte. Schoss eine Schwalbe vorbei, so folgte sie ihr, bis sie sich im zarten Duft verlor, summte eine Biene, so hörte sie den Ton, bis er langsam erstarb. Und vom Felde kam der Klang der Sichel, hörte sie das Knarren der mit Früchten schwer beladenen Wagen. Und sie kannte jeden, der im Sonnenbrande weit draussen stand und in schwerer Arbeit sich seiner armen Hoffnung hingab. Zuweilen kam der eine oder der andere vom Felde und brachte ihr bescheidenes Labsal oder er richtete mit teilnehmender Sorge seinen Blick auf die Kranke. Und so wurde sie immer friedlicher und versöhnter mit dem, was nun kommen mochte. Aber ihre Seele schloss sich vollends auf in den schlaflosen Nächten, wenn der Sohn bei ihr wachte. Er horchte mit ihr hin auf die stille Nacht, die das Mondlicht zaubervoll bestrahlte. Wenn sie sich müde geschaut, da legte sie das schmerzende Haupt auf sein Knie, wo es so gut zu ruhen war, dass sie in ihrem Frieden leise und seltsam feierlich zu beten anfing. Und dann, während er ihr einen Psalm vorlas oder ihre mageren Wangen streichelte, da dachte sie, wie sie sich auf ihren Tod vorbereiten solle. Sie wusste es, dass er bereits wieder in ihr stilles Haus eingekehrt war, er, der ihr einst Kind um Kind genommen. Es war so gut jetzt, dass ihr Sohn lebte und in seiner Blüte stand und sie nun gehen durfte. Als ein schwerer Winter fast vorbei war und ihr Leben sich neigte, da beschlossen Vater und Sohn in einer letzten Hoffnung, die Kranke in die Stadt zu kundigen Aerzten zu bringen. Sie wehrte sich anfangs dagegen, aber dann gab sie, um die Besorgten nicht noch mehr zu betrüben, nach. Und an einem der milderen Märztage betteten sie sie auf den armseligen Leiterwagen, den sie besassen, so gut als sie es bei ihrer zarten Sorgsamkeit nur konnten. Sie warf einen langen Blick auf das Haus, 211