Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 210 (sequence 226)
- Language
- German
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obgleich die sicli wehrende Mutter unter heimlichen Thränen liebe und langgenährte Träume zusammenfallen sah. Israel ging nun zu dem alten jüdischen Dorfschneiderlein in die Lehre, einem pfiffigen Männchen, das seine Armut und alle Schläge des Lebens mit gutem Humor ertrug und. stets einen Reim oder ein Witzwort fand, wenn in der dürftigen Werkstatt etwas misslang. Er war in seiner Jugend, ein wenig in der Welt herumgekommen, ohne dass es ihm gelingen wollte, mit seinem Handwerk auf einen grünen Zweig zu kommen, und so zog er denn endlich seine Heimat und insbesondere das arme Steppendorf der strengen Fremde, aus der er allerlei Weisheit und Lebensklugheit mitgebracht, vor. Hier konnte er als Meister gelten; und brachte auch sein Hauptberuf ihm und seinen vielen Kindern nicht hinlänglich das nötige Auskommen, so konnte er sich durch sein massiges Geigenspiel auf Hochzeiten und sonstigen Festlichkeiten einigen Nebenverdienst schaffen. Und so gab es zuweilen ein bisschen Sonnenschein und Fröhlichkeit in der dunklen und engen Werkstube, wenn der Meister bei emsiger Arbeit allerlei Schnurren erzählte oder diese an milden Abenden, wenn ein ferner Duft sich in die dumpfe Kammer verirrte, ruhen Hess, die Geige ergriff und mit geschlossenen Augen eine kleine Melodie in einer plötzlichen Ergriffenheit hervorzauberte, eine jener eigenartigen, jüdischen Weisen, die zwischen Melancholie und jähiger Lustigkeit sich bald wie ruhige und bald wie aufgepeitschte Wellen bewegen. Und in solchen Momenten spielte das Meisterlein wirklich schön und nicht ohne einige Vollendung. So war denn die Lehrzeit für Israel rasch und mit gutem Gelingen vorbeigegangen und als der Lehrmeister an einem strengen Winter infolge einer heftigen Erkältung plötzlich starb, da fiel der ganze Kundenkreis Israel zu, der nun eine selbständige Werkstatt errichten konnte. Aber um diese Zeit geschah es, dass seine Mutter immer kränklicher wurde. Es war so seltsam und unerklärlich, wie jeder Tag ihr die letzten Lebenskräfte nahm, wie die einst starke Frau so schrecklich abmagerte und alterte. Sie konnte nun nicht mehr herumgehen, sie, die so sehr an Geschäftigkeit gewöhnt war, und so sah sie schmerzlich alles in Verfall geraten, dem sie ihre ganze Lebenskraft gewidmet. Es war ihr, als ob die Welt plötzlich verdorrte, wie sie selbst und alles draussen, was in blühendstem Leben gestanden, solange sie selbst schaffen und in ihrer stillen Weise geniessen konnte. Es erschien ihr so furchtbar, dass sie hilflos und unthätig tagsüber und in all' den schlaflosen Nachten in ihrem Winkelchen liegen und vergeblich die abgemagerten Hände ringen musste. Als er das Leiden der Mutter schmerzlich gewahrte, da war in dem sonst verschlossenen und nach aussen hin etwas herben Sohne eine tiefe Quelle von thätiger Liebe und Zärtlichkeit erwacht, die in ihrer zarten Fürsorglichkeit etwas Weibliches hatte. Und es war soviel Wehmut in allem, was er für 210