Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 209 (sequence 225)
- Language
- German
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Finger fragend zum Sternenhimmel emporrichtete, so legte der Lehrer in seiner Bedrängnis die Hand auf den Mund, als wäre vor all' dem Rätselvollen und Erhabenen nur ehrfürchtiges Schweigen geboten. Und als er sich nicht mehr zu helfen wusste, da brachte er dem Knaben ein Buch, das vor langen Jahren in seine Hände geraten war und das er nach einigen mühseligen Versuchen es zu lesen, verwirrt weglegte und bewahrte. Nun mochte es dem Knaben etwas geben, sagte sich der Lehrer, nicht ohne einige Angst und Zaudern. Und dieser las es staunend, ohne den Sinn der seltsamen Worte zu verstehen; es war dasselbe Staunen, mit dem er alle Aussendinge und das ganze Naturleben betrachtete. Es kam vor, dass er plötzlich mitten in einem Satze stehen blieb, ihn mehrmals wiederholte; wie ein glühender Hauch aus einer fremden, ungeahnten Welt berührten ihn jene Worte, und sie weckten Empfindungen, die in verborgener Stille in ihm geruht. Zuweilen wandelte er wie in einem Traum einher. Die Landschaft und die Menschen, die ihn umgaben, bekamen ein fremdes Gesicht, kamen nahe oder entfernten sich in märchenhafte Weiten. Leise singend, ging er da durch die Einsamkeit. Es schien ihm, dass alle eigene Trauer oder die stille Fröhlichkeit seiner Seele in die Dinge, die ihn umgaben, übergingen. Ein alter, einsamer Weidenbaum wurde ihm mit seinem herunterhängenden, wirren Geäst zu einem menschlichen Wesen, das seufzte und flüsterte, und oft rang er mit sich, all' dem Worte zu geben, den zarten Traum auszudrücken. Dies alles war vorbeigegangen, als er älter geworden. Tagsüber nahm er teil an der häuslichen Arbeit, die ihm Kraft und Frohsinn brachte. Es war etwas wie Frömmigkeit in all' dem, was er that, und eine stille Ehrfurcht. Es war Ehrfurcht in ihm, wenn er im Frühling eine kleine Scholle aus dem dampfenden Erdreich emporhob und sie betrachtete oder im Sommer eine Handvoll gereiften Kornes. Eine grosse Heiligkeit war ja in allem Geschehen und fromme Ergebenheit überkam ihn, wenn er hinsah und hinhorchte auf die mondbeschienene Sommernacht, die ihn unendliche Fernen sehen liess, auf das mächtige Rauschen der alten Forste im Sturm, auf das Erwachen und Enden eines Lebens. Ging er an Feiertagen an einer Kirche vorbei und hörte sanften Orgelton, so war es ihm, als wäre es der wundersame Gesang der Natur und alles Lebens. Seine Eltern verstanden seine Frömmigkeit nicht, wenn er voll Staunen und Innigkeit einen Psalm hersagte, oder wenn er sich gegen Misrach verneigte, wo das goldumstrahlte Morgenland der jüdischen Vergangenheit lag. Da seine Mutter schwach und kränklich geworden war, so war es nun an ihm, das Haus zu versorgen. Er sehnte sich nach einer stillen Arbeit, die seinem Sinnen und Träumen freien Spielraum übrig liesse. Sein Vater, der die Hilflosigkeit seines eigenen Thuns schmerzlich empfinden mochte, bestimmte den Sohn für ein Handwerk, 209