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Jüdischer Almanach · 1904-01-01 · 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe · p. Seite 208

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
Date
1904-01-01
Page
Seite 208 (sequence 224)
Language
German
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IRI
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wartete so durch all' diese Abende. Starb ihr wieder ein Kind in der Wiege, so unideckte sie es mit weissen Linnen, wischte sich die Thränen weg und ging hinaus. Und es erschien ihr wundervoll, welche Ruhe sie überkam, wenn sie ihre Blicke wieder in die Ferne schweifen liess. „Nun kommt es nicht mehr und Du wartest, Leah," klagte ihr Mann, aber sie legte sanft die müden, schwieligen Hände auf seine Schultern und nickte ihm mit einem kaum merkbaren Lächeln zu. Und das, was sie erwartete, kam: ein stiller Knabe, der nie weinte und dessen helle, grosse Augen stets zu lächeln schienen. Und es war mit ihm wie durch eine schmale Spalte wieder Licht in ihr Leben gekommen. Mochte nun noch so Schweres hereinbrechen, missratene Bemühungen oder die ungeahnte Schwere einer Arbeit oder eine dunkle Sorge, so sagte er oder sie zu sich selbst: es ist nicht schwer . . . Wie in ihren Mädchenjahren fing plötzlich in ihr etwas leise zu singen an, wenn sie, ihr Kind in den Armen, durch die Felder ging oder am Rand des Waldes, der leise rauschte. Und die schweigsamen, verdüsterten Leute im Dorfe mussten lächeln, wenn sie sie und das Kind erblickten. Und so wurde es, schon in früher Knabenzeit, an ein sinnendes Staunen gewöhnt und die beharrliche und ruhevolle Natur der Mutter wurde auch in seine Seele gesenkt. Dieser war es wie ein Wunder, auf dessen Kommen sie so lange gewartet hatte, ein Wunder auch, dass es hei ihr blieb und ihr stilles, verschlossenes Leben bereicherte. Sie gab sich ihm hin mit allem, was in ihrer Seele geruht: mit alT dieser Märchenwelt, die ihr auf einsamen Gängen mitten zwischen Wald und Ebene emporgeblüht. Nur das Kind konnte sie ja verstehen. Sie gelobte sich, es dem Grossen zu widmen, den Lehren und der Weisheit. Es sollte ihr einst strahlenden l^uhm bringen, wenn sie alt und müde sein wird. Sie wird nur ein armes, altes. Mütterchen sein, aber dieser und jener wird sie ihres Sohnes wegen ehrend grüssen. Und so musste der Knabe früh mit dem Lernen anfangen. Der Lehrer, dem sie ihn übergaben, war ein armes, verwachsenes Männchen, das wie alle jüdischen Dorflehrer in Galizien vom frühen Morgen bis in die späte Nacht mit seinem Bündelchen zerlesener Bücher, Kielfedern und Schreibvorlagen von Dorf zu Dorf wanderte, um für geringen Lohn dort dem erwachsenen Sohn oder den Töchtern des Gutspächters oder Arendators im Rechnen, Buchstabieren und in der jüdischen Schrift mühsam Unterricht zu erteilen, in dem einen Dörfchen den Vorbeter, in dem andern den Buchführer oder gar zuweilen den Totenwärter abgab, wenn irgend ein kleiner Verdienst winkte,, oder für blosses, armseliges Mittagessen. Sein Wissen war nicht so reich als sein kindliches, gütiges Gemüt, und so war es dem aufgeweckten Knaben gegenüber, der zu fragen nie müde wurde, leicht erschöpft. Wenn jener ihn bestürmte, seinen kleinen 208

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