Mannheim
Compact Memory

Jüdischer Almanach · 1904-01-01 · 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe · p. Seite 207

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdischer Almanach
Volume
1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
Date
1904-01-01
Page
Seite 207 (sequence 223)
Language
German
Belongs to
journal volume
OCR quality
95% known words query
IRI
…/1112869-9323001--214-9304796
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Etwas abseits von den Hütten stand ein altes, geschwärztes Gebäude, und es war trotz seines verwahrlosten Zustandes stattlicher und vornehmer als die sonstigen armseligen Gehäuse des Dorfes. Es mochte einst in besseren Zeiten den Durchreisenden als Herberge gedient haben, darauf wiesen die vielen Zimmer, die Stallung und der grosse, mit alten, prächtigen Bäumen bepflanzte Hof. Jetzt stand das Haus still und wie traumversunken da. Der Hof war von hohem Gras und Unkraut umwachsen. Ein magerer Gaul weidete hier oder es liefen Hühner und Enten herum, und Sperlinge und Krähen nisteten in den mächtigen Kronen der Bäume. Die Scheiben an den Fenstern des Hauses waren trüb angehaucht oder fehlten ganz, das geschwärzte Schindeldach war schadhaft und mit Moos umwachsen. Nie war hier Gesang, Lachen oder sonstiges lautes Treiben vernehmbar. Hier wohnte Israel David mit seinem alten Vater, und das Haus bildete ihr einziges nennenswertes Eigentum, ein Erbstück ihrer Vorfahren, die in dauerndem Wohlstand hier gelebt, bis die Armut und Verlassenheit hier Einzug gehalten. Diese Räume, die einst die unablässig eingekehrten Gäste und das reiche Gesinde nicht fassen konnten, standen nun zum grössten Teil unbenutzt da. Und dennoch war es den beiden Einsamen lieb und teuer, und wem sollten sie es hier auch veräussern? Auch hier hatte, vor kurzer Zeit noch, etwas Licht und Leben geherrscht, als eine stille Frau hier gewaltet: Israels Mutter. Ihre Tage waren von Mühsal und Kümmerlichkeit beschwert, aber wie bei einer jeden Frau lag leicht ein Lächeln auf ihren Lippen, wenn Schweres überwunden war, und dieses Lächeln legte sich wie ein Schein um alle Dinge, und mochten sie noch so bescheiden und armselig sein. Sie war jung und von strahlender Gesundheit gewesen, als sie in dieses Haus eingezogen, aber allmählich hatte sie in einem harten Kampf alle Kräfte verbraucht. Es konnte nichts ihren Mut und ihre Hoffnungen beugen; nicht, dass alle ihre Mühen nicht hinreichten, um die Armut aus ihrem Heim zu vertreiben, nicht, als ihr ein Kind um das andere starb und sie nach kurzen Freuden wieder fast verwaist blieb. Sie arbeitete rastlos; sie musste ja Brot ins Haus schaffen, weil ihr Mann für „etwas Besseres" da war, für das Studium der heiligen Lehre. Und unverdrossen machte sie ihre weiten, schweren Wege in die Stadt, durch grimme Winternächte und durch glühenden Sonnenbrand, mit den Produkten ihrer kleinen Wirtschaft beladen, die sie dort feilbot. Der Erlös aber wurde immer kleiner. Sie liebte es, nach gethaner Arbeit sich in der Abenddämmerung draussen auf die Moosbank vor ihrem Hause hinzusetzen und wie in einer vegetativen Buhe ins Weite zu starren. „Du siehst aus wie eine, die wartet; worauf wartest Du, Leah?" fragte ihr Mann sie da einmal. „Ja, Du hast recht, Lieber, ich warte, ich warte, und Du wirst sehen, es wird kommen, so schön und leuchtend wie die Lewanah dort, die aus den Wolken emportaucht." Und sie 207

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.