Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 203 (sequence 219)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/1112869-9323001--210-9304792- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
wegten sich nicht, die schwieligen Hände falteten sich nicht, nur dass ihre starren, angstvollen Blicke sich dem Altar zuwandten, von wo aus der magere Pope ihnen schluchzend himmlische Gnade und Hilfe verhiess. Im Winter waren es die Winde, der Schnee, der ibr Dorf einbettete, begrub, die schneidenden Fröste, die sie schreckten, und raubgierige Wölfe, die ihre kleinen Herden mordeten. Aber auch dies ertrugen sie still und ohne Abwehr. Mit dumpfer Ergebenheit warteten sie auf all' das in ihren niedrigen, engen Stuben. Es kam vor, dass der Brief eines Ausgewanderten von weit, weither über das Meer zu ihnen kam, eine frohe Botschaft aus einem fernen Eiland bringend, die sie lockend anrief. Von Stube zu Stube wanderte diese Nachricht. Verdüsterte Gesichter erhellten sich unter Zweifeln und die Schweigsamen bekamen Worte, dass sie wie ein Chor aufsummten in der Einsamkeit. Wie eine Vision erstand in den müden Gehirnen das fremde, ferne Land und es war von einer strahlenden Sonne beschienen, dass es leuchtete und funkelte wie ein Stern. Eine stille Sehnsucht, die sie nie gekannt, zog in die Herzen ein und machte sie krank. Und da gingen sie hinaus bis an den Rand ihres Dorfes, und aneinander gedrückt, als ob sie eine einzige Familie wären, standen sie da, und suchend lugten sie nach dem fernen Land. Da und dort streckte sich eine zitternde Hand aus und deutete weit hinaus über die einsamen, wie in vibrierenden Linien daliegenden Felder. Aber plötzlich blieb ihr Auge an der Heimatserde haften, die noch brach und verlassen in der Winteröde dalag und da erhob es sich wie ein Seufzer aus den schweren Herzen derjenigen, die mit ihren kargen, zweifelnden Hoffnungen einige Augenblicke in der Fremde geweilt. Und in ihnen erwachte das, was stärker war als ihr verheissender, glückvoller Traum, von dem sie sich loszureissen begannen: ihre Heimatsliebe. Der heimische Acker wartete auf ihren treuen Arm; viele Hoffnungen lagen da begraben und viele arbeitsschwere Jahre. Und dort auf dem kleinen, armen, sandigen Friedhof, der sich an ihre engen Hütten schloss, da ruhten ihre Väter und Mütter und da wartete ein friedliches Gedenken ihrer, wenn sie nicht mehr unter den Lebenden weilen würden. Langsam kehrte einer um den anderen in die stillen Stuben zurück und es war Freudigkeit in ihnen, dass sie daheim bleiben durften: da konnte man trotz aller Not und Kümmernis leben, krank sein und sterben. 203