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Jüdischer Almanach · 1904-01-01 · 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe · p. Seite 202

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
Date
1904-01-01
Page
Seite 202 (sequence 218)
Language
German
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IRI
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seinen Zweigen sich, niederliessen und seine Wipfel bewegten. Auch nie kamen jauchzende, spielende Kinder hin, denn diese waren schweigsam und scheu wie ihre Elfcern; sie hockten in Sommertagen, wo alles in einer toten Stille versank, auf den Thürschwellen, in Trägheit, oft wie in Angst vor sich hinstarrend. Es war etwas von der grossen Einsamkeit, die in all' diesen Menschen lebte. Die Stadt lag weit, unendlich weit von ihnen; es geschah selten, dass einer dieser Dorfbewohner hinkam, und sie war ihnen eine ferne "Welt, jenseits eines grossen Meeres, ja, wie ein märchenhafter Traum. Es kam kein Widerhall von ihrem Leben in das entfernte Dorf, geschah dies, so wurde er durch die Entfernung bis zur TJnverständlichkeit gedämpft und modifiziert. Sie verstanden die Nachricht der fernen Ereignisse nicht, mehr, wenn sie zu ihnen gelangte; sie war unterwegs durch andere Dörfer und durch viele, viele Köpfe gegangen, und es waren ihr Fragen, Hoffnungen, Deutungen anderer Menschen, die ihnen fremd waren, aufgeprägt, und sie mussten sie umdichten, nach eigenen Wünschen ummodeln, bis sie zu einer schweren Wirrnis wurde, die sie beängstigte und die sie wie eine harte, unheimliche Last fallen. Hessen. Wohl schickten sie ihre kräftigeren Söhne weg, um privatem oder militärischem Dienst zu obliegen, aber nur selten kamen diese wieder heim. Bot ihnen die Fremde auch nicht viel mehr als noch härtere Arbeit, so war doch vielleicht durch einen noch stärkeren Kummer, durch wechselnde Bewegung, durch Hoffnungen und durch das ganze äussere Leben, das sie umgab, etwas in ihnen mobil geworden, eine innere Kraft und eine erhöhte Liebe zum Dasein, so dass sie instinktiv sich dem Heimatsdorfe abwandten, wo es keine Liebe und keinen Hass gab, keine Lieder, keinen Tanz und keine stürmisch atmenden Mädchen. Denn daheim, da näherten sie sich nur Frauen, die in Arbeit und Sorge noch im Kindesalter verblühten, und dann geschah es ohne Fröhlichkeit, nie in Leidenschaft und stets wie in trauriger Pflicht. Und so wurde im Dorfe immer dasselbe Geschlecht gezeugt, ein Geschlecht fatalistischer Heloten, die freudlos ihrer Arbeit obliegen, ewig derselben Arbeit, denselben Sorgen und Befürchtungen hingegeben und in demselben armseligen Gedankenkreise sich bewegend. Denn der Heimatsboden war zumeist arm und ertraglos. Und in solchen Jahren schlich der Hunger ein wie ein Gespenst; er dörrte den Boden, den sie liebten und er dörrte die Menschen, dass sie mit gebeugtem Rücken und fieberglühenden Augen einhergingen, ohne Hoffnung und ohne Hilfe. Ohne Klage ertrugen sie dann alles. Die Verzweiflung schuf eine unheimliche Stille, schlaff sanken die Arme nieder, das ganze Dorf versank wie in Todesschlaf, von den Schornsteinen der Hütten stieg kein Hauch empor zum bleiernen Himmel und der mächtig wehende Sand der Heide drohte sie zu verschütten. Sie hockten tagsüber schweigsam in den Kirchbänken, die vertrockneten Lippen be- 202

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