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Jüdischer Almanach · 1904-01-01 · 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe · p. Seite 204

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
Date
1904-01-01
Page
Seite 204 (sequence 220)
Language
German
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IRI
…/1112869-9323001--211-9304793
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Es konnte im Laufe der Jahre ab und zu geschehen, dass ein Sommer voll Segen über das arme, einsame Dorf kam. Da standen die Aehren bis an die niedrigen Hütten voll schwerer Frucht, dicht und hoch, dass diese fast wie in einem goldigen, wogenden Meer versanken. Es ging wie ein schwerer, sättigender Duft 'all' dieser Fruchtbarkeit durch die Felder, und Gottes goldener Tisch schien für alle gedeckt zu sein. Die Sonne war da wärmer und die Gesichter gebräunter, und auf den Lippen der armen Menschen blühte ein Lächeln, das auch im Schlaf nicht erlöschen wollte, und das alles wurde zu frohen Liedern, von Einsamen bei ihrer Arbeit ersonnen, dort von einer Frau, die mitten unter der Schar ihrer Kinder geschäftig waltete, da von einem jungen, glühenden Mädchen, das mitten im Felde seine Glieder reckte, von einem lustigen Burschen, der übermütig auf die Pferde einhieb, die williger als je die schwere, hoch und duftig auf den knarrenden "Wagen gebürdete Last in die Scheunen und Tennen zogen, oder von einem friedlichen Greis in der Abenddämmerung. Und diese Lieder zogen weiter und weiter, pflanzten sich fort, wurden verstärkt und vertieft. Alles wurde weit und gross, und jedes Auge wurde sehender, das Gehör verfeinerte sich; die dichten Aehren wurden ein grünes Band, das sich bis zur Stadt hinzog und diese mit dem fernen Dorfe verknüpfte. Man hörte dort, was diese Aehren rauschten und man hörte im Dorfe, was sie sich in froher Hoffnung in der Stadt zuflüsterten. Auch dorthin drang dieser berauschende Duft der Fruchtbarkeit. Er stieg ins Blut und machte es sieden, und die Frauen wandelten mit niedergeschlagenen Augen, still und wie von eigenen Wundern und Geheimnissen voll. Kam ein Feiertag, so schritten die Mädchen und Burschen in Scharen durch die Felder, und an ihrer Spitze ging ein Knabe voran mit einer Geige, der er frohe Lieder entlockte. Da standen ganze Strecken in blühenden Farben: bald war es die Mohnblume, die wie glühender Purpur sich über die Felder breitete, oder der zarte, rosige Buchweizen und die blaue Kornblume oder goldig strahlender Ginster am Waldesrand. Die Blumen wurden gepflückt und zu Sträussen und Kränzen gewunden und sie schmückten ihre Mädchen, ihre Stube, alte und neue Gräber ihres Friedhofes. Die schwüle, verschleierte Luft voll von Insekten schien zu zittern, alles vibrierte leise mit; es war ein Zittern im Gurren der Wildtauben, die in den Kronen der Bäume sassen, und es war ein Zittern in all' den Herzen, die von seltsamen Gefühlen erfüllt waren. Da und dort verlor sich ein Paar und schlug sich in die einsamen Feldwege und Raine, die zu einem einzigen Brautbett wurden. 204

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