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Jüdischer Almanach · 1904-01-01 · 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe · p. Seite 182

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
Date
1904-01-01
Page
Seite 182 (sequence 198)
Language
German
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IRI
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„Ach nein. Ich mache im Sommer immer kleine Ausflüge und da ich in der Nähe bin, möchte ich mir dieses kleine Städtchen auch einmal ansehen." ,,Sie sind aus Wien? Nicht wahr? Hab' ich mir gleich gedenkt. Die Herren aus Wien machen sehr oft solche Ausflüge. Mei Sohn wohnt auch in Wien. Er ist dort Doktor." ,,Soo." Es schien mir merkwürdig, dass die Frau so ärmlich gekleidet war. ,,Arzt oder Advokat?" fragte ich. Sie war froh, mit mir plaudern zu können. „Advokat is er. Er hat e schene Kanzlei und es geht ihm ganz gut. Er hat reich geheirat, 15 000 Gulden hat seine Frau mitbekommen. Meine Schwiegertochter" — sie sagte das mit Stolz--„is aus e sehr feinen Haus aus Troppau. Wissen Se, wo Troppau is? Waren Se schon dort? Sie is e geborene Neudorf. Ihr Yater hat dort e Fabrik, sehr reiche Leite. Aber meinen Sohn sollten Se erst kennen. Er is e so e guter Mensch. Und fleissig. . . .! Schon als Kind war er der Fleissigste in der Schule. Und da hat mei gottseliger Mann gesagt, er soll studieren — und so hat ma ehm in die Stadt geschickt in den Gymnasium. Er hat dort sehr brav gelernt, so dass mir ehm bald mehr nix haben zu schicken gebraucht. Die Herren Lehrer haben in der Schul, wenn aner von de Schüler die Aufgab nix hat gekennt, gesagt: ,Seht ihr, der Nussbaum, das is ganz a anderer Bub, der lernt gut und is fleissig'. Und wie er in Gymnasium fertig war, is er nach Wien gegangen und hat auf e Doktor studiert. Aber mei Mann hat's nebbich nit mehr dalebt, mein Mann is nebbich vor zwei Jahr gestorben. Gott, wie hätt er sich gefreit, wenn er noch hätt kennen da sein." Die Thränen standen ihr dick in den grauen Augen, dann kollerten sie langsam über die Wangen. Mit der Hand wischte sie sie weg. In unserem Gespräche trat eine Pause ein. Ich hätte ihr so gerne etwas Tröstliches gesagt, aber ich wusste nicht, was ich ihr hätte sagen sollen und wie ich ihr es hätte sagen sollen. Ihre Augen weilten schon wieder liebkosend auf dem kleinen Mädchen, das an einem grossen Kipfel kaute. Sie lächelte in Thränen. „Sehn Se," sagte sie zu mir, „das Kind erinnert mich ganz an mei kla Enigl. Das is beiläufig auch in dem Alter. A bildschönes Kind! Und gescheit! So gescheit! Sie redt daher wie e Grosser. Ich glaub, in Wien sein de Kinder viel gescheiter wie bei uns am Land." „Waren Sie jetzt zu Besuch bei Ihrem Sohn?" fragte ich. Sie stockte mit der Antwort. Dann sagte sie gepresst: „Ja, ja, zu Besuch — ja zu Besuch war ich." Ich merkte, dass ich da eine heikle Stelle berührte, wenn ich auch gerne gewusst hätte, welche Bewandtnis es mit diesem Besuch habe. 182

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