Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 183 (sequence 199)
- Language
- German
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„Wissen Se," sagte sie und räusperte und reckte sich, „eigentlich wollt ich dort bleiben, bei ehm, ganz dort bleiben. — Sie verstehn mich doch. Seit mei Mann gestorben is, bin ich so allein, ka Verdiener, und mit meinen Kräften geht, es auch schon nit mehr wie sonst. Wie lang dauert es, und ich lieg auch draussen am guten Ort in e so e finster Grob. Und — und — da hab ich mer halt gedenkt: ich zieh mich erunter zu mei Sohn. Ich hab nämlich noch e Sohn in Pest wohnen,, der is auch verheirat. Und da hab ich mich auf die Bahn gesetzt und bin enunter gefahren. So weit war ich all mei Leben nit. Abber ehm geht es nit gut, er is e einfacher Geschäftsmann und heutzutag muss man sich e so viel plagen um den Bissen Brot. Mit mei Schwiegertochter hab ich mich auch nit recht vertragen kennen. Manchmal hab ich ehr vielleicht Unrecht gethan — ic h bitt Sie, ma is alt — und alt und jung thun nit gut zusamm. Zwei Jahr war ich bei ihnen, dann hab ich mei Sohn hergenommen, und hab gesagt: ,Adolf — sag ich — ich fahr nach Wien — sag ich — dort werd ich bei Max bleiben — sag ich. Ich weiss, dass Du alles gethan hast für mich, was De nur hast thun können. Aber ich bin Dir e Last — sag ich, und ich fahr.' Darauf hat er nix antworten gekonnt, und dann bin ich nach Wien gefahren. Das Umhängetuch hat er mir noch gekauft und hat mich auf de Bahn geführt. Er is e gut Kind, aber was sein das jetzt vor e Zeiten, Gott anziger. Früher . . . Na ja, da kennen Sie sich noch nix erinnern, da war es noch nit e so schwer, das Leben. Abber heitigentags is alles anderscht geworden, alles — ganz andersclit. Und in Wien, da war ich selber nit geblieben. Das Geräusch, der Lärm und die vielen.,, vielen Häuser und . . .-. Na, das is nix fer mich. Mei Sohn hat mich gut empfangen,, er hat so viel Müh mit mir gehabt. Und dann das Kind — ich hab' es so gern, so gern. Abber denken Se sich nur, wie Kinder sein. Bei Tisch, wie mer haben es Mittagsmahl gegessen, fragt mein Sohn: ,,Elserl, hast Du die Grossmutter gern?" Hat se gesagt: ,,De Grossmutter redt doch jüdisch." — — — Wissen Se, das Kind is e SO' fein gewehnt. Sie sollten amol sehn, wie es bei ihnen ausseht, wie bei e Grafen. Ich war wirklich nur im Weg — überall. Wie wenn man all sei Lebetag im Dorf gewesen is! — Ich hab mich nit zurechtfinden gekennt, es war mir dort e so — e so — ich kann das nit sagen, wie mer war. Und vorgestern sein ihre Leit gekommen — wie gesagt, das sind lauter noble Leit, und da, und da hab ich erst recht gesehn, dass ich im Weg bin und dass ich dorthin nicht passen thu. Mei Sohn war auch e so, er hat nit gewusst, was er mit mir anfangen soll. Und mit de Leit — er muss sich doch verhalten. Schliesslich is er doch mit sei Weib verheirat und nix mit mir. Und jetzt fahr ich halt wieder eham. In Wien wär ich e so nix geblieben, das kennen Se mer glauben. Ich hab mich in einemfort vor dem i8a