Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 181 (sequence 197)
- Language
- German
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DIE ALTE FRAU NUSSBAUM. VON IGNAZ KOHN (WIEN ) Pitsch, patsch. Der Regen schlug in langen Strichen an die Fenster des Zuges. Es schüttete — wie man sich in dieser Gegend so richtig auszudrücken pflegt. Am Bahndamm war der feine, weisse Kies ganz aufgeweicht. Meine eisenbeschlagenen Bergsteiger sanken tief ein und Hessen Spuren zurück, die sich bald mit Wasser füllten. Ich riss eine Coupe-Thür dritter Klasse auf und war mit einem Satz im Wagen. Soeben blies der Kondukteur in seine kleine Blechtrompete zur Abfahrt, und der Zug setzte sich in Bewegung. In dem dunklen, von Tabak und Dunst erfüllten Coupe sassen die Passagiere wie in sich zusammengekauert. Als ich eintrat, war Stille; kaum hatte ich mich aber in eine Ecke gedrückt und kaum waren wir eine kleine Strecke gefahren, so begannen zwei Bauern ein früher abgehacktes Gespräch fortzusetzen. Mir gegenüber sass eine alte Frau — eine Jüdin. Sie musterte mich seit meiner Ankunft. Dann wandte sie sich wieder einem kleinen Mädchen zu, dem Kinde einer jungen Bäuerin, das stolz neben ihr sass, und blickte es lange und liebevoll an. „Wie heisst de Klane'?" fragte sie die Mutter des Kindes. „Annerl," gab die kurz zurück. Und dann zum Kinde: „Wie alt bist Du, Annerl?" Und dabei fuhr sie ihr mit den welken, zitternden Händen zärtlich über den Kopf. Das Kind bog sich hastig zurück, sprang von seinem Sitze herab, klammerte sich an die Kleidfalten seiner Mutter und blickte die alte Frau mit grossen Augen an. Die Bäuerin lachte laut. „Ich thu Dir doch nix, Kinderl," sagte die Alte sanft, „warum fürchst Dich denn vor mir?" Ein Bursche mit glotzenden Augen und breiten feisten Zügen sagte halblaut, die Stimme der Alten nachahmend: „Ich thu Dir doch nix." Die Bäuerin lachte wieder. Still hatte sich die alte Frau zurückgezogen, wie eine Schnecke in ihr Häuschen, nachdem ihre Fühler mit Hartem in Berührung gekommen. Sie sah vor sich hin. Dann seufzte sie. Schliesslich wandte sie sich an mich. „Entschuldigen schon-- wohin fahren Sie?" Ich nannte den Namen des Ortes. „Ja, ja," nickte sie. „Nach Hause, zu den Eltern?" 181