Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 176 (sequence 192)
- Language
- German
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empfangen, als sie in Spanien gebraten und gebrannt, in Deutschland gemordet und geschlachtet wurden? Wer hat ihnen Rechte gegeben, als sie allerorten für vogelfrei erklärt wurden?" — „Ich meinte ja nur", sagte der Jude, ,,dass Du keinen Grund zu jammern hast,, da es doch schliesslich der Anfang ist. "Wenn er sein Volk gegen Euch zusammenruft, dann achtet und fürchtet er Euch. Ihr werdet Zeit und Grund zu jammern haben, wenn es soweit kommt, dass er Euch —" — ,,Dass er uns —?" fragte der Grat gespannt. — „Dass er Euch wird ■— Mah-Junth*) singen lassen," schloss der Jude kühl. — „"Was sagst Du, Jude?" — „Nu, ich meine, dass er für die Erlaubnis, in seinem Lande atmen zu dürfen, Euch wird Mah-Jufith singen lassen —" Der Pole erschauerte. Der Jude verliess langsamen Schrittes das Zimmer. Und der Graf setzte sich abermals auf den Divan und liess den Kopf auf die Handfläche sinken. Und er dachte lange, lange nach. Und als die letzten Sonnenstrahlen wie blutige Streifen an den Tapeten erglänzten, da hatte er die Ueberzeugung,. dass es zwei Methoden gibt, eine Nation zu unterdrücken, und dassT'au den Juden die schlimmere erprobt wurde. Und er wusste noch mehr . . . [Jeruscholajim. Er wohnte auf den Höhen der Tatra und war Besitzer einer Dorfschenke. Zehn •Meilen in der Bunde fand man keinen zweiten Juden. Er verliess die Berge nur dreimal im Jahre, am Pessach, Schewuoth und Sukoth. Da ging er zu Fuss zu seinem Rabbi nach Sandec. Sonst sah er durch das ganze Jahr keinen Juden. Wer hätte sich][auch dorhin verirrt, so hoch hinauf, wo der Enzian blüht. . . . Was er von seinem Judentume wusste . . .? Nicht viel. Die Gebräuche waren ihm fremd. Ausser der Waldschenke hatte er von seinem Vater die Kenntnis der jüdischen Gebete geerbt und auch da war ihm nicht alles geläufig. . . . Aber eines wusste er, und das wusste er gut. Er wusste, dass sein Volk einmal ein Königreich hatte und die Hauptstadt dieses Königreiches war Jeruscholajim. . . . Und dass sein Grossvater und sein Vater in den Nächten von ihren Lagern auf- *) „Mah-Jufith." ist der Titel eines Sabbattischgesanges. Polens Adelige pflegten die von ihnen abhängigen Juden zu zwingen, dieses Gehet nach der traditionellen Melodie ihren Gästen vorzusingen. 176