Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 175 (sequence 191)
- Language
- German
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Geschichte. In einem mit grösstem Comfort ausgestatteten Gemach sass auf dem weichgepolsterten Divan ein polnischer Graf. Neben ihm am Fenster stand, den Daumen der linken Hand im Gürtel, ruhig wie eine Statue ein polnischer Jude. — „Eine solche Ungeheuerlichkeit ist noch nicht dagewesen, sage ich Dir, ganz einfach noch nicht dagewesen!" begann wieder der Graf. Der Jude schwieg. — „Etwas ganz anderes ist es ja, wenn ein gewöhnlicher Mensch seine Menschenpflicht verkennt. Und «wieder etwas ganz anderes ist es, wenn man gegen einen einzelnen Menschen barbarisch verfährt. Aber ein Kaiser! Dem man mit grösstem Uebereifer jeden halbgeäusserten Wunsch erfüllt, dessen Wort ein Gebot, dessen Wille ein Befehl ist! Und gegen ein ganzes Volk —" Der Graf erhob sich ungestüm von seinem Platze. Der Jude schwieg. — „Und so redet ein Germane, der auf die Kultur seines Volkes pocht! Da ruft er seine Krieger zusammen und hetzt sie gegen eine machtlose Nation, er, der Mächtige, gegen ein unglückliches Volk, dessen Verbrechen darin besteht, dass es seine nationale Eigenheit bewahren, seine idealen Güter beschützen, seine Sprache pflegen und seinem Gotte dienen will — " „Nun ja", sagte endlich der Jude. — „Aber unser Blut, das wir für ihn und seine Dynastie bei jeder Gelegenheit vergossen, war ihm gut genug! In Zeiten der Not, da waren wir seine und seiner Väter Freunde. Jetzt sind wir die Uebermütigen, die mit einem Stosse vom Erdboden zu vertilgen sind! Was?" Der Graf stellte sich vor seinen Juden und sah ihm empört ins Gesicht. — „Es wundert mich nur, dass Du Dich darüber so aufhältst", begann der Jude, der den Grafen mit „Du" anzusprechen pflegte, wenn ausser beiden sonst niemand zugegen war. „Wie oft sagte ich Dir, dass es kein Ungefähr im Leben gibt. Und jedes Weshalb hat sein Deshalb. Und es gibt keine Ernte ohne Saat." „Wie meinst Du das?" ,,Wir hatten einen Weisen, und dieser sah einmal, als er am Ufer eines Flusses einherschritt, einen Menschenkopf auf den Wellen treiben. Da sprach er mit lauter Stimme: Weil Du ersäuft hast, bist Du ersoffen, und die Dich ersäufet, werden ersaufen — " — „0, Du bist diesmal auf einer falschen Fährte! Ich weiss ja, worauf Du hinaus willst", antwortete der Graf. „Wer hat die Juden mit grösster Gastfreundlichkeit 175