Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 177 (sequence 193)
- Language
- German
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standen und beim trüben Lichte einer Kerze Gebete aufsteigen Hessen, heisse, sehnsuchtinnige Gebete um Wied ererb auung der verwüsteten Stadt . . . um die Erlösung von Jeruscholajim . . . In hässlichen Nächten, wo tausend böse Geister ihren Jammertanz in den Lüften ausführten, der Sturm seufzend um Einlass bat und die Föhren aneinander gerieten . . da sassen sie am Fenster, gebeugt, aufgelöst und Thränen in Strömen vergiessend um Jeruscholajim ... Und wenn in winterlichen Nächten die Bäume vor Frost erstarben, die Tiere des Waldes ihren Schmerzensruf ertönen Hessen und die Hüttenthüre sich mit Weiss bedeckte ... da sah er sie beide auf niedrigen Schemeln sitzen, wie die Leidtragenden, die einen Toten beweinen, und tropfenweise fiel es ihnen aus den Augen und hier und da vernahm er unter den fremden Worten das einzige, das er schon in seiner Wiege verstand . . . Jeruscholajim. . . . Und wenn in Frühlingszeiten die Bäche erwachten und der Wind ihr Gemurmel an sein Bettchen brachte . . . wenn im Sommer die Tage nie zur Gänze erblassten, die Nächte nur wie eine Dämmerung auf den Bergen lagen ... da sassen sie beide, noch lag die Lerche im Schlafe, und beteten Chazoth*) für die gottvergessene Stadt, für das sündige, zertretene, ewig unvergessliche Jeruscholajim . . . Und als der Alte starb, da sass sein Täter alleine. . . . Und dann weckte er auch ihn zu Chazoth. Und nach dem Tode seines Vaters sass er alleine zu Chazoth. Da erfuhr er eines Tages etwas Gewaltiges, etwas Unfassbares. . . . Da sass der Rabbi unter seinen Treuen und sprach. . . . Man stand dichtgedrängt, um alles zu hören, um kein Wort zu verlieren . . . auch er horchte andächtig ... da sagte der Rabbi deutlich: ,,So lange Jeruscholajim trauert, ist auch die Gottheit in Trauer . so lange die Juden im Golus sind, ist auch die Schechinah**) im Golus. . . . Und der Golus kann nur durch die Erlösung Jeruscholajims beendigt werden . . . deshalb muss jeder Jude trachten, Jeruscholajim zu erlösen . . ." und dann schluchzte der Rabbi. . . . Und es schluchzte mit ihm die andächtige Gemeinde. . . . Und als er keuchend die Bergabhänge hinaufklomm, um in seine Hütte zu gelangen, da kam ihm die schwere Last zum Bewusstsein, die der Jude auf sich trägt. . . . *) „Chazoth" heisst Mitternacht. So heissen auch die G-ebete, |die von den frommen Juden um die Mitternachtstunde verrichtet -werden. Sie enthalten grösstenteils Klagen um Jerusalem und Bitten um haldige Befreiung aus dem Exil. **) Grottesherrlichkeit. 177