Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 174 (sequence 190)
- Language
- German
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Die beiden Spaziergänger Hessen sich auf dem Easen nieder. Der Greis begann den Wochenabschnitt zu erklären. Er vertiefte sich in Talmud und Midrasch, interpretierte dunkle Stellen, brachte die Aussprüche der Weisen in Verbindung und fand bei seinem Schüler das vollste Verständnis. Inzwischen sang der Vogel in den Lüften. Die langgezogenen Töne wurden kürzer, inniger, sie erklangen fast wie Seufzer. Dann erstarben sie allmählich — es war, als sänge der Vogel sein eigenes Totenlied. Und wie wenn seine kleine Seele nicht mit einem Male den Körper verlassen könnte, stiess er dünne, klagende Töne aus, die der Wald auffing und wiedergab. Der Lehrer schien nichts zu hören. Er begann die Materie zu besprechen, die er mit seinen Schülern in der letzten Woche im Talmud durcharbeitete. Da gab es schwere Stellen, fast unüberbrückbare Klüfte, Klippen, an denen der Verstand zu zerschellen drohte. Er aber ruderte mit sicherer Hand über diesen bodenlosen Tiefen. Es vermochten wohl nur wenige ihm zu folgen, doch Mendel war überall dabei. Da liess der Lehrer mit einem innern Wohlgefallen sein Auge auf ihm ruhen. Er dachte immer dabei: Das ist der zukünftige Mann. Und während der Greis mit seinem Schüler diskutierte, begann der Vogel plötzlich von neuem sein Lied. Es war diesmal ein Jubelgesang, ein Lied der Auferstehung. Mächtig erscholl die Weise, herrlich in ihrer Art. Es war ja nur eine einzige winzige Kehle, und doch ertönte es wie von einem Chor. Es waren Töne, voll, lauter und frohlockend, Jubelgesänge, die sich überstürzten, in rasendem Tempo gesungen, so dass es kaum dem Walde gelang, sie zum Widerhall zu bringen .... Und während der Greis unbekümmert weiter sprach, huschte der Vogel'aus dem Walde — — „Da ist er!" schrie plötzlich der Knabe auf. „Da ist er!" Und mit einem Satze sprang er auf und lief dem Vogel nach. — Der Greis blieb wie versteinert auf seinem Platze. Seine Augeu füllten sich mit Thränen. Tiefbeschämt kehrte der Knabe zurück. Sein Leib zitterte vor Erregung. Die grosse Sünde kam ihm zum Bewusstsein. Und der Lehrer erhob sich vom Easen und sprach kalt die Worte der Weisen: —■■ „Wer das Thorastudium unterbricht, sprechend : Wie schön ist dieser Baum, wie schön ist dieses Feld! der kommt um sein Seelenheil." Der Knabe begann bitterlich zu weinen. Und als er auf seinen Lehrer sah, da kam es ihm vor, dass sein Haupthaar weiss wurde wie Schnee ..... Der Vogel aber begann sein Lied von neuem . . . 174