Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 173 (sequence 189)
- Language
- German
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LOSE BLABTTBR. VON DAVID EOTHBLUM (WIEN). Sünden. Es war ein lachender Frühlingstag voller Sonnenschein, als der kleine Mendel mit seinem greisen Lehrer ausserhalb der Stadt spazieren ging. Sie waren einander auf den Gräbern des Alten Friedhofes begegnet, wo die Juden am Lag B'aomer unter freiem Himmel die Psalmen beten. Und da die Hitze gar so drückend und der Tag schliesslich doch ein Feiertag war, lud der Alte seinen Lieblingsschüler, von dem er noch Grosses erwartete, zu einem Spaziergange ein. — „Wie es doch betrübend ist", begann der Lehrer, gleichsam seine Gedanken vom Friedhof aus fortspinnend, „wie unendlich betrübend, dass wir in unserem verwaisten, unglücklichen Zeitalter nicht einen einzigen Mann besitzen, der jenen gliche^ an deren Gräbern wir eben vorbeigeschritten sind. Das ist die grösste Gottesstrafe, die uns trifft." Der Greis seufzte aufrichtig und tief; der dreizehnjährige Knabe nickte verständnisvoll mit dem Kopfe. —■ „Denkt man an einen Mann zum Beispiel, wie es der heilige E'mo war",, setzte der Alte seine Rede fort, „so. ist es nicht zu fassen, was dieser Geistesriese gewusst, gekonnt und geschrieben hat. Wir sinken heute in ein Nichts zusammen, alle mit einander, im Vergleiche zu diesem einzigen Manne. Und doch lebt unser Volk in der steten Hoffnung, dass vielleicht doch Einer unserer Nachkommen jene Männer erreiche ..." „Ist es wahr", fiel ihm der Knabe in die Rede, „dass der Baum am Grabe des- R'mo von sich selbst zu spriessen begann am selben Tage, an dem man den R'mo in die Erde senkte?" „Unsere Eltern erzählten es, und die sprachen immer die Wahrheit. Solche Wunder pflegten früher öfter zu geschehen. Jetzt freilich, wo die Welt im Körperlichen bis über die Ohren steckt, geschehen keine Wunder mehr. Das ist ja der Unterschied der Zeiten. Heute geht alles seinem Nutzen nach, es wird sogar des Nutzens wegen Thora gelernt. Und das ist doch die grösste Sünde. ..." Sie gelangten während ihres Gespräches an den Saum eines Fichtenwaldes. Die Bäume strömten einen kühlen, würzigen Duft aus, der die Sinne bestrickte. Aus dem Waldesdunkel vernahm man ein eignes Gesumme, leise und doch vernehmbar, ein Sich-Regen des erwachenden Lebens. Ein unsichtbarer Vogel liess in kurzen Zeiträumen langgezogene, lockende Töne unendlich sehnsuchtsvoll erschallen. 17a