Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 167 (sequence 183)
- Language
- German
- Belongs to
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monotoner Stimme von dem grossen Leide erzählt. Und er schlingt den starren Arm fest um ihren mädchenhaften, schmalen Körper, als wollte er sie gegen die Angriffe der Kälte und gegen jeden Schmerz behüten. Und sie sieht ihn mit dankbaren Blicken an und in das Gewirre von Klagen und Stürmen verrinnen einige sehnsuchtszärtliche Worte, die beide an Tod und Gefahr vergessen machen .... Plötzlich ein harter Ruck, der alle zum Schwanken bringt. Und dann bleibt der Wagen stehen. Undeutlich vernimmt man von den vorderen Gespannen her durch die tosende Flut des Sturmes laute Worte, Peitschenknall und Gemurmel von erregten Stimmen,, das nicht verstummen will. Man verlässt die Wagen, eilt durch die schneidende Kälte nach vorne, wo ein Pferd des Gespannes gestürzt ist und das zweite mit sich gerissen hat. Um die Rosse herum die Männer, die helfen wollen, aber nicht können, denn der Wind stösst sie wie schwache, achtlose Puppen, und die Flocken blenden ihre Augen und die Hände sind erstarrt, kraftlos, wie Holz liegen die Finger aneinander. Und weithin keine Hilfe, nur die Ebene, die im stolzen Bewusstsein ihrer Unendlichkeit sich ohne Linie in dem Schneedämmer verliert und der Sturm, der ihre Rufe achtlos verschlingt. Da wird wieder das traurige, volle Bewusstsein ihrer Lage in ihnen wach. In neuer, furchtbarer Gestalt greift der Tod wieder nach ihnen, die hilflos zusammenstehen in ihrer Wehrlosigkeit gegen die unbekämpfbaren, unversiegbaren Kräfte der Natur, gegen die unabwendbare Waffe des Frostes. Immer wieder posaunt der Sturm ihnen das Wort ins Ohr: Hier musst du sterben — sterben. — Und die Todesfurcht wird in ihnen zu resignierter hoffnungsloser Ergebenheit. Keiner hat es laut ausgesprochen, allen kam der Gedanke zugleich. Sie klettern unbeholfen, wie es die steifen Glieder gestatten, in die Wagen hinein, eng aneinander, um zu sterben. Auf Hilfe hoffen sie nicht mehr. Sie schmiegen sich zusammen, jeder zu seinen Liebsten, um im Tode beisammen zu sein. Draussen singt der Sturm, ihr ewiger Begleiter, ein Sterbelied, und die Flocken bauen um die Wagen einen grossen, schimmernden Sarg. Und langsam kommt der Tod. Durch alle Ecken und Poren fliesst die eisige, stechende Kälte herein, wie ein Gift, das behutsam, seines Erfolges sicher, Glied auf Glied ergreift .... Langsam rinnen die Minuten, als wollten sie dem Tode Zeit geben, sein grosses. Werk der Erlösung zu vollführen .... 167