Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 166 (sequence 182)
- Language
- German
- Belongs to
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Und heisse Tränen rinnen über die erstarrten, leiderfahrenen Gesichter herab, und werden im Schnee zu blanken Eistropfen. Yergangen und vergessen ist alle Todesfurcht, wie sie den tiefen, stummen Frieden sehen. Und alle überkommt mit einemmale eine unendliche, tränenschwere, wilde Sehnsucht nach dieser ewigen, stillen Ruhe am „guten Ort", zusammen mit ihren Lieben. Es schläft soviel von ihrer Kindheit unter dieser weissen Decke, soviel selige Erinnerungen, so unendlich viel Glück, wie sie es nie mehr wieder erleben werden. Das fühlt jeder und jeden fasst die Sehnsucht nach dem „guten Ort". Aber die Zeit drängt zum Aufbruch. Sie kriechen wieder in die Wagen hinein, eng und fest gegeneinander, denn während sie im Freien die schneidende Kälte nicht verspürt, schleicht jetzt wieder das eisige Frösteln ihre bebenden, zitternden Körper hinauf und schlägt die Zähne gegeneinander. Und im Dunkeln des "Wagens finden sich die Blicke mit dem Ausdrucke einer unsagbaren Angst und eines unendlichen Leides .... Ihre Gedanken aber ziehen immer wieder den Weg zurück, den die breiten Furchen der Gespanne in den Schnee eingezwängt, zurück zum Orte ihrer Sehnsucht, zum „guten Ort". Es ist Mitternacht vorbeigezogen. Die Wagen sind schon weit weg von der Stadt, mitten in der gewaltigen Ebene, die der Mond hell überflutet und die von den schimmernden Reflexen des Schnees wie mit weissen, wallenden Schleiern umwoben ist. Mühsam stapfen die starken Rosse durch die dicke Schichte, die sich an den Rädern zäh anheftet, langsam, fast unmerklich holpern die Gefährte weiter; es ist, als ob sie jeden Augenblick stehen bleiben würden. Die Kälte ist furchtbar geworden und schneidet wie mit eisigen Messern in die Glieder, die schon viel von ihrer Beweglichkeit eingebüsst haben. Und nach und nach ist auch ein starker Wind erwacht, der wilde Lieder singt und an den Wagen rasselt. Wie mit gierigen Händen, die sich nach den Opfern ausrecken, reisst es an den Zeltdecken, die unablässig geschüttelt werden und nur mehr mit Mühe von den starren Händen stärker befestigt werden können. Und immer lauter singt der Sturm und in seinem Lied verklingen die betenden, leise lispelnden Stimmen der Männer, deren eiserstarrte Lippen nur mehr mit Anstrengung die Worte formen können. Unter dem schrillen Pfeifen erstirbt das fassungslose, zukunftsbange Schluchzen der Frauen und das eigensinnige Weinen der Kinder, denen die Kälte den Druck der Müdigkeit genommen. Aechzend rollen die Räder durch den Schnee. Im letzten Wagen schmiegt sich Lea an ihren Bräutigam an, der ihr mit trauriger, 166