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Jüdischer Almanach · 1904-01-01 · 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe · p. Seite 142

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
Date
1904-01-01
Page
Seite 142 (sequence 158)
Language
German
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IRI
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Selbst Tina, nunmehr ein erwachsenes Mädchen, wurde ernst, besonders wenn Davide mit Rat und Hilfe kam. Am liebsten hätte sie ihm freilich ins Gesicht gelacht, so komisch wirkte das männlich ernste Antlitz auf dem kindlich gebliebenen Körper, aber seine zarte Fürsorge entwaffnete ihren gefährlichen Mund. Zwar gönnte er ihr kein freundliches Wort; sobald er jedoch fortgegangen, fand sie eine kleine Gabe, algerische Datteln oder Blutorangen, bestimmt, ihr genäschiges Mäulchen zu beschäftigen, manchmal auch etwas Nahrung für den Geist, :— denn Davide hatte sich dem Buchhandel zugewandt, seitdem die Korallen nichts mehr einbrachten. Damals war es, dass in den Kaffeehänsern Livornos der Spruch aufkam: „Dieses kleine Menschenkind ist der grösste Ehrenmann der Stadt." "Was aber gab diesem Worte die Flügel —? Genau fünf Jahre nach seinem dreizehnten Geburtstage war Davide zum Rabbi gekommen; er hätte ihn in einer sehr heiklen Angelegenheit um Rat zu fragen. Der Rabbi erklärte sich gerne bereit zu helfen, er möge nur immerhin fragen. ,,0b man ein gegebenes Versprechen unter jeder Bedingung einhalten müsse?" „Ja, wenn es freiwillig gegeben sei, müsse ein ehrlicher Mann sein Wort halten." Der Zwerg nickte zustimmend mit dem Kopfe. Dann fragte er weiter: „Ist es einem Juden gestattet, eine Christin zu heiraten?" „Nein," erwiderte der Seelsorger, ,,nach mosaischen Gesetzen ist dies verboten." ,,Wenn ich aber einer Christin versprochen habe, sie zu heiraten,'* rief Davide in seiner Herzenspein. Der Rabbi sah erst den Knirps an, dessen Füsschen, wie er auf dem Sessel sass, nicht bis zum Fussboden reichten und wollte schon lächelnd erwidern, dann blickte er in das vorzeitig männlich gewordene Gesicht, aus dem tiefes Weh sprach, und das Lachen verging ihm. Er Hess sich den ganzen Sachverhalt erzählen, und die bewegten Worte stimmten ihn recht ernst. Davide hielt sich für gebunden, sein Wort für verpfändet; dann war Fina seine Lebensretterin. Vergessen hatte sie das Versprechen auch nicht, da sie ihn vor fünf Jahren daran gemahnt hatte. Ausserdem ging es der Familie Serafini sehr schlecht, und es wäre Pflicht, ihr die Erhaltung der Tochter abzunehmen. So sehr der Rabbi von soviel Seelengüte gerührt war, überkam ihn doch schliesslich der Humor der Sache, und er forschte nach dem Wortlaut des Eheversprechens. „Ich versprach sie zu heiraten, sobald ich gross sein werde, und da ich jetzt das talmudische Alter von achtzehn Jahren erreicht habe, meinte ich, etwas müsse ge- 142

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