Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 141 (sequence 157)
- Language
- German
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oder an den Helden der jüdischen Geschichte sich erbaute. Und heute, gerade heute, da er in die Religionsgemeinschaft der Männer aufgenommen wurde — musste er an solches gemahnt werden? Während er die Früchte auflas, blieb ihm Zeit, auch seine Gedanken zu sammeln. Der Rabbi hatte ihm heute in der Familien-Synagoge den frommen Lebenswandel seiner Vorfahren als Vorbild vor Augen gebracht und die Verpflichtung daran geknüpft, gleich jenen strenge nach den Geboten Jehovas zu leben und zu wirken. Konnte er auch nur daran denken, jemals eine Christin zu heiraten? Andererseits war er gemahnt worden? wahrhaft zu sein, ehrlich und zuverlässig. Durfte er die gegebene Zusage brechen? Galt nicht das "Wort eines Croccolo gleich einem guten Wechsel, der zur Verfallzeit pünktlich eingelöst wird? In diesem Zwiespalt der Seele verging ihm der Tag. Am Abend frug er den Vater: „Lieber Vater, wie alt warst Du bei Deiner Verheiratung?" ,,Zweiundzwanzig Jahre," entgegnete dieser. Früher heiratet man wohl nicht?" „0 doch, nach talmudischem Gesetz ist der Jüngling mit achtzehn Jahren heiratsfähig." Diese Auskunft beruhigte sein aufgeregtes Gemüt. Bis zu achtzehn Jahren, das war noch lange hin; bis zu jener Zeit wird sich wohl Rat schaffen lassen, und leichteren Herzens legte er sich in sein Bettchen. Am nächsten Tag trat er, wie's Brauch ist nach erlangtem dreizehnten Lebensjahr, ins Geschäft des Vaters, seine Lehrzeit zu beginnen. Dadurch kam er wieder häufig in das Haus Serafinis, hielt sich aber ängstlich von Fina ferne. Ernst, gelassen, wie ein Mann, der seinen festen Entschluss gefasst hat, verkehrte er mit ihr, wenn er es anders nicht vermeiden konnte. Sie wurde stark und wuchs zur Höhe, er blieb klein und zierlich wie ein Kind; sie lachte und schäkerte mit aller Welt, er blieb ernst in sich gekehrt. Als Gehilfe seines Vaters hatte er auch Grund dazu. Krieg und Unruhen störten allerorten die Geschäfte; in den Magazinen lag die Ware, ohne Abnehmer zu finden, so dass nur mühselig jene Gelder aufzubringen waren, die Serafini für seine Arbeiter benötigte. Dann wurde der Aufruhr in Oberitalien wie in den anderen Ländern niedergeworfen; doch der frühere Absatz wollte sich nicht mehr einstellen. Teils war die Mode vom Korallen schmuck abgefallen, teils erzeugte man in Neapel diese Waren billiger — so dass mit der Zeit die Nachfrage ganz aufhörte und die grossen Vorräte entwerteten. Bei Serafini feierten die Drehbänke, und wenn Croccolos nicht geholfen hätten, wäre die Not bei ihnen eingezogen. 141