Mannheim
Compact Memory

Jüdischer Almanach · 1904-01-01 · 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe · p. Seite 140

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdischer Almanach
Volume
1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
Date
1904-01-01
Page
Seite 140 (sequence 156)
Language
German
Belongs to
journal volume
OCR quality
98% known words query
IRI
…/1112869-9323001--147-9304724
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Als der alte Herr den Knaben in Empfang nahm, wurde Fina zur Türe hinausgeschoben. Kein Wunder, dass diese plötzliche und gewaltsame Trennung ihr die Thränen über die Wangen trieb. Sie hatte sie nicht erwartet und es widersprach auch allem Herkommen, als Braut so schnöde behandelt zu werden. Es mag auch eine Ahnung künftigen Leides gewesen sein, denn seit jener Stunde war das schöne kindliche Verhältnis gestört. Davide lernte in der jüdischen Gemeinde- Schule die Religionsunterschiede kennen, er sah nach und nach, dass zwischen ihm und der christlichen Gespielin ein Fremdes rage- und trat ihr niemals wieder mit der früheren Unbefangenheit gegenüber. So war sein dreizehnter Geburtstag herangekommen, an welchem Tage jeder Jude in die Pflichten und Rechte eines Gemeindemitgliedes tritt. Der folgende Samstag vereinigte die Freunde des Hauses zu fröhlicher Feier. In der Familien-Synagoge drängten sich die Vornehmen der Gemeinde, um zu hören, wie der kleine Davide zum ersten Male seinen Bibelabschnitt lese. Er hatte neue Schuhe mit hohen Absätzen bekommen und einen Zylinderhut, was die Kleinheit seiner Figur nur noch stärker hervortreten liess. Die Besucher aber versicherten, um ihn und die Eltern zu erfreuen, er sei ganz stattlich für sein Alter. Nachmittags kamen Serafinis, ihre Glückwünsche darzubringen. An Fina waren die letzten Jahre nicht spurlos vorübergegangen; gross und stark für ihre zehn Jahre, lachte sie gerne und häufig, sprach viel und laut. Dass sie heute ruhig und unbeachtet sitzen musste, während Davide den Mittelpunkt aller Aufmerksamkeit bildete, wollte ihr gar nicht behagen. Was sie doch für Geschichten machten mit dem Jungen! So ein Knirps! Wenn sie nur wüssten, wie er damals gelegen, als die Welle ihn packte, hilflos wie ein Säugling. Ja, da war die Fina gut genug gewesen, ihn zu trösten und seine Kleider zu trocknen — heute aber kümmert er sich gar nicht um sie. Das heisst: er sieht sie immer wieder an, aber so ängstlich, so fremd, so verlegen. Und damals versprach er ihr doch die Ehe. Wohl hatte sie es seither fast vergessen, heute aber kam es ihr wieder in den Sinn; mit einem Bräutigam im Zylinderhut liesse sich auch stolzieren. Nach langem Zaudern kam Davide ihr näher, einen Teller voll Datteln und Mandarinen in der Hand. „Weisst Du noch, dass Du versprochen hast, mich zu heiraten," flüsterte sie ihm zu. Voll Schreck liess er den Teller fallen, dass die Früchte weit im Zimmer umherrollten. Ach, wenn die Eltern oder Verwandten das gehört hätten, welche Schande! Ob er es wusste! —■ Nur zu gut. Wie ein Gespenst tauchte dieses unglückselige Versprechen vor ihm auf, wenn er den strengen Lehren der Religion lauschte 140

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.