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Jüdischer Almanach · 1904-01-01 · 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe · p. Seite 135

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
Date
1904-01-01
Page
Seite 135 (sequence 151)
Language
German
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IRI
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hierauf die Hand des Reisenden, 'der ihm bestätigte, dass die ganze Schuld heglichen sei. Er faltete streichelnd das Papier, fuhr nochmals liebkosend mit der Hand darüber, barg es auf seiner Brust, hob strahlenden Antlitzes die Schultern in die Höhe, wendete die Handflächen nach aussen und murmelte wie entschuldigend: „c'e per l'onore della casa." Am selben Tage noch wurden wir gute Freunde, „Signor Davide", wie man ihn kurzweg im Ghetto zu Livorno nennt, und ich; sehr gute .Freunde wurden wir, so dass er mich einlud, ihn bald zu besuchen, er hätte mir etwas zu zeigen. Ein schneidig kalter Wind wehte von der See her, als ich mich entschloss, sein Heim aufzusuchen, und nichts an diesem Tage erinnerte daran, dass man in Italien lebe, als die unheizbaren Zimmer und die unwirtlichen Gasthausräume. Nahe dem Geburtshause Montefiores, eine gebrechliche Treppe hinan, in einem verwahrlosten Baue, dort fand ich die vermorschte Tür zu Croccolos Wohnung. Ein schmieriger, zerfetzter Strick versah die Stelle des Glockenzuges. Nach heftigem Läuten wurde ich eingelassen. In einer kahlen Stube, deren Kellerluft das Blut erstarren machte, auf einem ärmlichen Bette, lag unter einem Bündel Decken das winzige Männchen. Yon der Kälte ins Bett gejagt und obwohl fiebernd vor Unbehagen, bestand er doch darauf, aufzustehen, um mir seine geheimen Schätze zu zeigen. Ein Kohlenbecken wurde hereingebracht, die starren Glieder zu wärmen, dann öffnete er die Tür des Nebenzimmers und wir standen in einer — Synagoge, in Croccolos Familien-Synagoge. Ein heller, grosser Raum, in der Mitte ein rundes Empor, von welchem herab die Thora verlesen wird, umgeben von Gitterwerk in prächtiger, alter Holzschnitzerei, schöne Betpulte, altertümliche Messingleuchter und endlich im Osten das Allerheiligste, der Schrank mit den Thorarollen, verhüllt durch eine Decke von kostbaren Stolfen. Im selben Gegensatze wie der künstlerisch vornehme Raum zu dem armseligen Wohnhause stand der Croccolo der Synagoge zu dem kleinen, zitternden Geschöpfe von vorhin. Tiefe Genugtuung und hoher Stolz verklärten sein runzliges Gesicht, als er mir alle Gold- und Silbergefässe zeigte, die Hände, Schilder und Türmchen, die an hohen Festtagen die Thorarollen zieren, die kunstvollen Stickereien, mit denen Schränke und Pulte bedeckt werden. In seliger Demut küsste er jedes heilige Gerät, mit Inbrunst die Thora; schwelgend in Erinnerung an jene Zeit, da seine Familie zu den vornehmsten der Gemeinde gehörte, schien er ganz entrückt der armseligen Gegenwart. Mein weltlicher Sinn schreckte ihn aus seiner Verzückung. 135

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