Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 134 (sequence 150)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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Ein kleines Menschenkind schiebt einen langen, bücherbelaclenen Karren vor sich her dnrch die Strassen von Livorno. Der Gestalt nach scheint's ein halbwüchsiger Knabe; das faltige Angesicht jedoch und die müden Augen, die von schwerem Leid erzählen, belehren mich, dass die Jahre und der Kummer über seinen Körper hinausgewachsen sind. Ich durchsuche die Literaturschätze, die den Karren bedecken, und versuche ein Gespräch anzuknüpfen, dem der kleine Mann ausweicht — soweit es nicht seine Bücher betrifft. Indes nähert sich ein junger Mann, der unschwer als Deutscher zu erkennen ist, und zwischen ihm und dem zwerghaften Buchhändler entspinnt sich folgendes Gespräch: „Seid Ihr Signor Davide Croccolo?" „Sicherlich." „Ihr schuldet meinem Hause in Berlin noch 240 Lire aus einer alten Verrechnung." „Das ist richtig." „Ihr geltet als insolvent." ,,Ich bin so unglücklich, mein Herr. Eine schwere Krankheit zwang mich vor zwei Jahren, meinen Laden zu schliessen; die Kunden verliefen sich, und nachdem ich das Bett verlassen hatte, war ich ausserstande, meine Gläubiger zu bezahlen. Mir blieb fast nichts als die Reste meiner Waren. Wenn ich mich kräftig genug fühle, fahre ich durch die Strassen, um meine Bücher auszubieten, aber glaubt mir, mein Herr, man verkauft gar wenig." Der arme Deutsche wurde feuerrot und entgegnete in einem Tone, der mürrisch klingen sollte: „Ja, wer zwingt Euch denn zu zahlen, wenn Ihr arm und kränklich seid? Wäret Ihr es doch, der die alte, vergessene Geschichte aufrührte und Geld bot für eine Schuld, die längst abgeschrieben war und als verloren galt." ,,0, was denkt Ihr, Herr! Ich will zahlen, ich will meinen ehrlichen Namen wieder, „c'e per l'onore della casa". Es ist wegen der Ehre des Hauses. Dann zog er all sein Geld aus der Tasche und zählte zwei Fünf-Lire-Scheine, etwas- Silber und ein Häufchen Kupfer hin, nicht ganz zwanzig Lire. ,,So, Herr, und im nächsten Jahre, wenn Ihr nach Livorno kommt, zahle ich wieder etwas." „Nicht doch," sagte der Deutsche, „ich soll Euch im Auftrage des Hauses für zehn Perzent, also für vierundzwanzig Lire, die ganze Schuld quittieren." Dabei wusste er nicht, ob er lachen sollte oder weinen, und der kleine Croccolo wusste es dann ebensowenig. Er lief aufgeregt hin und her, von einem Laden zum anderen, und brachte endlich die fehlenden vier Lire zusammen. Gierigen Blickes verfolgte er 134