Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 133 (sequence 149)
- Language
- German
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CROCCOLOS SYNAGOGE. VON HEINRICH YORK-STEINER (WIEN). Ein Kardinal als Gründer einer jüdischen Gemeinde! Wer erschrickt da? Ach, diese Eminenz ruht längst im Grabe, und ihr Geist, des bin ich sicher, weilt im Kreise der Seligen, nahe, ganz nahe dem Throne des Allerhöchsten, der die Liebe bedeutet. Ferdinand, aus dem fürstlichen Geschlechte der Mediceer, erhielt im Jahre 1562 den Kardinalshut und galt als einflussreiches Mitglied des päpstlichen Hofes. Fünfundzwanzig Jahre später starb sein Bruder Franz ohne Thronerben, was den Kardinal veranlasste, seine hohe geistliche "Würde niederzulegen, um die Regierung des Grossherzogtums Toskana zu übernehmen. Das war in der Zeit der Renaissance, als Kunst und Wissenschaft ihre Wiedergeburt feierten und ein Völkerfrühling über die Welt kam, dessen Blüten die Menschheit noch heute beglücken. In Spanien aber sträubte man sich gegen die Regungen des neuen Geistes, und wessen Nacken zu starr war, um sich der Inquisition zu beugen, der musste anderwärts seine Heimat suchen. So kam es, dass Ferdinand J. von Toskana den vertriebenen spanischen Juden in dem neu entstehenden Livorno eine Zufluchtsstätte bot. Die jungen Bürger des Kardinal-Grossherzogs lohnten seine Menschenfreundlichkeit, indem sie halfen, den kleinen Landungsort, der im Jahre 1551 nur 749 Einwohner zählte, zur wichtigsten Handelsstadt Italiens zu erheben, deren Hafen von allen Flaggen der Welt begrüsst wurde. Im zehnten Jahre seiner glorreichen Regierung entstand der Israelitische Hilfsverein, der nunmehr auf eine dreihundertjährige Thätigkeit zurückblickt, und im Jahre 1606 war die vom Kardinal begründete Gemeinde gross und reich genug, um eine herrliche Synagoge aus karrarischem Marmor aufzubauen. Die Stadt zählte bis 60 000 jüdischer Einwohner, darunter sehr viele reiche und angesehene Familien, zu denen auch die Croccolos gehörten. Wieviele Juden es heute in Livorno gibt, ich konnte es nicht erfahren. Sie behaupten dort: ein Mensch sei wie der andere, und der Staat, der Geld- und Blutsteuer von allen Untertanen gleichmässig einhole, hätte kein Recht, nach ihrer Konfession zu fragen. Sie sind eben noch weit zurück dort unten in der — Statistik. Soviel ist sicher: Livorno verlor sehr viel an Genua, und die Judengemeinde wird alljährlich kleiner und ärmer. Mit dem Reichtum und der Grösse der Gemeinde schwand auch die der Croccolos, und ihr letztes Mitglied ist klein — so klein und arm, ach, so arm —, doch das will ordnungsgemäss erzählt sein. 133