Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 127 (sequence 143)
- Language
- German
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einzugreifen. Die Mutterliebe zog sie zu ihrem Kinde hin. Das Ende des Briefes schien ihr ein besonderes Omen zu sein! „Komm bald zu mir, liebes Mütterchen. Ich werde eine Zeit lang wohl nicht im stände sein, Dich zu besuchen." Ja, sie musste sogleich zu ihm — wer weiss, ob es nicht das letzte Mal war? Aber ein lähmender Gedanke liess sie innehalten. Der Sabbat hatte begonnen. Fahren, Eeiten oder jede andere Art zu reisen war für die nächsten vierundzwanzig Stunden verboten. Schaudernd überblickte sie die Situation. Die Religion gestattete die Verletzung des Sabbats nur, wenn es das Leben zu retten galt. Durch keine Kraft der Logik konnte sie sich zu dem Glauben verleiten lassen, dass die Genesung ihres Sohnes von ihrem Kommen abhing — nein, wenn sie den Fall mit unerbittlicher Gewissenhaftigkeit erwog, sah sie ein, dass seine Krankheit ja nur ihre mögliche Vermutung war. Zu ihm zu gehen, hiess zweifellos den Sabbat verletzen. Und doch, trotz dieser Erkenntnis blieben ihre Ueberzeugung, dass er sterbenskrank war, und ihr Entschluss, zu ihm zu eilen, unerschüttert. Nach einem harten Kampfe schloss sie mit ihrer Frömmigkeit einen Kompromiss. Fahren durfte sie nicht, das würde andere obendrein noch zur Arbeit veranlassen und ausserdem Geldverhandlungen mit sich ziehen. Sie musste gehen! Wenn es auch Sünde war, das Gebiet der zwölftausend Ellen hinter ihrem Dorfe zu überschreiten, konnte es nichts helfen. Und von allen Arten zu reisen war Gehen noch die geringste Sünde. Der Ewige — gesegnet sei er — würde nicht glauben, dass sie damit eine Arbeit zu thun beabsichtigte. Vielleicht würde er es in seiner Gnade einer alten Frau gestatten, die seinen Ruhetag bisher noch nie entheiligt hatte. So schürzte Grossmütterchenjaach einem hastigen Mahle ihr Kleid und schickte sich an, die siebenunddreissig Meilen zu gehen. Den kostbaren Brief verbarg sie an ihrer Brust. Sie nahm keinen Stab mit sich, da Tragen nach der Auslegung des Talmuds Arbeit bedeutete. Ebensowenig durfte sie einen Regenschirm mitnehmen, obgleich es trübes Wetter war. Meile auf Meile wanderte sie, dem bleichen^Gesichte entgegen, das, ach, so weit hinter dem Horizonte war und dennoch ihren Leitstern bedeutete. „Ich komme, mein Liebling,"' murmelte sie, „Mütterchen kommt." Die Nacht war schwül. Der Himmel, von einem gespenstischen, fahlen Schimmer erfüllt, schien wie ein Bahrtuch über der Erde zu liegen. Die Bäume längs der Landstrasse waren in grauen Dunst gehüllt. Um Mitternacht verlöschte der Nebel die Sterne. Aber Grossmütterchen wusste, dass der Weg geradeaus ging. Die ganze Nacht wanderte sie durch den Wald, begegnete weder Mensch noch Tier, obgleich Wolf und Bär hier hausten, und Schlangen sich im Buschwerk ringelten. Nur harmlose Eichhörnchen 127