Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 126 (sequence 142)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/1112869-9323001--133-9304710- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
DEN SABBAT ENTHEILIGT. VON ISRAEL ZANGAVILL (LONDON.) (AUS DEM ENGLISCHEN UEBERSETZT VON HELENE KLEPETAR.) Grossmutter war über hundert Jahre alt und lag jetzt im Sterben. Nach dem Ausspruch des Doktors hatte sie kaum eine Viertelstunde mehr zu leben. Ihre Krankheit war plötzlich gekommen, und ihre Enkel, die sie stets auszuschalten liebte, konnten nicht zur Stelle sein. Sie hatte den letzten grossen Schmerz bereits durchgekämpft und befand sich an der Grenze ihres irdischen Seins. Die Wärterinnen vergassen die Not, die ihnen ihre lästigen Klagen und ihre eingebildeten diätischen Sorgen gemacht hatten, und nickten über dem Bette, in dem der eingeschrumpfte Körper lag. Sie ahnten nicht, dass die Sterbende soeben das einzige grosse Ereignis ihres Daseins wieder durchlebte. Ein polnisches Dorf war ihr ganzer Horizont gewesen. Vierzig Jahre waren es her (sie war damals schon nahe den Siebzig und Witwe), als sie einen Brief erhielt. Er kam an einem regenfeuchten Sommertag, dem Vorabend vom Sabbat. Ihr Junge hatte ihn geschrieben, ihr einziger Sonn, der ein Dorfwirtshaus siebenunddreissig Meilen entfernt inne hatte und Weib und Kind besass. Sie erbrach ihn mit fieberhafter Angst, denn ihr Sohn — ihr Kaddisch — war ihr Augapfel. Begierig durchflog sie die hebräischen Schriftzüge von rechts nach links. Da befiel sie eine Schwäche, dass sie beinahe umgesunken wäre. Ein vielleicht zufälliger Satz aus diesen vier Seiten stand vor ihren Augen, als wäre er mit Blut geschrieben: „Seit kurzem fühle ich mich nicht ganz wohl. Das Wetter ist so drückend, und die Nächte sind so nebelig. Aber das hat nichts zu bedeuten. Mein Magen ist nicht in Ordnung, das ist alles." Einige Rubel lagen dem Briefe bei, aber sie Hess sie achtlos zu Boden fallen. Panische Angst, die das Gerücht schneller als die beschwerliche Post dieser Zeit eilen Hess, hatte die Kunde von einem plötzlichen Ausbruch der Cholera in dem Distrikt ihres Sohnes gebracht. Die Sorge um ihn hatte ihr Herz schon seit langem bedrückt, und dieser Brief bestätigte ihre schlimmsten Befürchtungen. Wenn ihn auch die ersten Symptome der Cholera noch nicht befallen haben mochten, während er schrieb, befand er sich doch augenscheinlich in einem Zustande, der ihn für die Seuche am empfängHchsten machte. Vielleicht war er um diese Zeit auf seinem Krankenlager, wenn nicht auf seinem Sterbebett, wenn nicht schon tot. Grossmütterchen hatte viele Menschen sterben sehen und wusste, dass der Todesengel nicht immer gemächlich zu Werke geht. Besonders zu Zeiten einer Epidemie hat er zu viel zu thun, um in jedem besonderen*Falle langsam 126