Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 128 (sequence 144)
- Language
- German
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huschten über ihren Pfad. Der Morgen fand sie erschöpft und beinahe lahm, aber sie schritt weiter. Noch einen halben Tag hatte sie zu gehen. Sie hatte nichts zu essen mitgenommen, denn auch Speise war eine verbotene Last, und ebensowenig durfte sie am Sabbat etwas kaufen. Im Gehen sprach sie das Morgengebet des Sabbats und hoffte, Gott würde ihr diese Respektlosigkeit verzeihen. Das Gebet liess sie ihre Mühsal ein wenig vergessen. Als sie durch ein Dorf kam, bestätigte sich das fürcherliche Gerücht von der Cholera. Es beschwingte ihren Gang für wenige Minuten, dann aber war die körperliche Schwäche stärker als alles andere, und sie musste sich gegen die Hecken am Ende des Dorfes lehnen. Es war bald Mittag. Ein vorübergehender Bettler gab ihr ein Stück Brot. Zum Glück war es ohne Butter, so dass sie es mit geringeren Gewissensbissen aus der Hand des Unreinen annehmen durfte. Sie setzte ihre Wanderschaft fort, allein die Rast hatte ihre Füsse nur noch steifer und schmerzender gemacht. Gerne hätte sie sie in einem Bache gebadet, aber selbst das verbot der Sabbat. Sie zog den Brief aus dem Busen, überlas ihn und spornte ihre Kraft mit dem Ruf: „Mut, mein Liebling! Mütterchen kommt," von neuem an. Die bleiernen Wolken lösten sich in dichten Regen auf, welcher sie anfangs erquickte, bald aber bis auf die Haut durchnässte, ihre vollgesogenen Kleider zu einer schweren Bürde machte, und die Strasse in einen Morast verwandelte, der an ihren schwachen Sohlen widerwillig klebte. Mit Wind und Regenschauer kämpfend ging sie weiter. Eine neue Furcht packte sie: Würde ihre Kraft ausreichen? Mit jedem Moment verlangsamte sich ihr Schritt, sie kroch wie eine Schnecke. Und je müder sie ging, desto lebhafter wurde die Vorahnung dessen, was sie am Ziel ihrer Reise erwartete. Würde sie noch sein letztes Wort hören? Vielleicht kam sie nur, um in das Antlitz des Toten zu schauen? Vielleicht war dies Gottes Strafe, weil sie den Sabbat entweihte? „Mut, mein Liebling," stöhnte sie, „stirb nicht, Mütterchen kommt." Der Regen hörte auf. Die Sonne kam hervor, heiss und sengend, trocknete ihr Gesicht und Hände und machte sie wieder schweissfeucht. Jeder Zollbreit vorwärts war Qual, aber die wackeren Füsse schritten weiter. Wund, geschwollen und lahm versagten sie nicht den Dienst. Eine ersterbende Stimme rief, — ach noch aus weiter Ferne! nach ihr, und sich vorwärts schleppend, antwortete sie: „Ich komme, mein Liebling, Mut, Mütterchen kommt! Ich will Dein Antlitz schauen, ich will Dich am Leben finden." Einmal bemerkte ein Fuhrmann ihre Müdigkeit und bot ihr an, sie mitzunehmen. Standhaft schüttelte sie den Kopf. Der lange Nachmittag ging zur Neige, sie kroch den Waldpfad entlang, stolperte jeden Augenblick vor Schwäche, und verletzte sich Gesicht und Hände an dem Gestrüpp des Wegrandes. Zuletzt schwand die erbarmungslose Sonne, und wallende Nebel stiegen aus dem Waldteich empor. Und immer noch dehnten 128