Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 118 (sequence 134)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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Hör' zu, Mamyschi! Nein, wart'! So einfach ist die Sache nicht. Doch nein, hör'! Erinnerst Du Dich, dass Du mir gestern etwas Kleingeld gabst? Ich hab' noch nichts davon ausgegeben, und doch hab' ich's nicht mehr ganz. Ein Zehnerstück fehlt mir! Ob ich's verloren hab'? Nein . . . Du giebst mir das Geld ja für arme Leute, für arme Kinder, die ich auf der Strasse treffe . . . "Wie werd' ich Armengeld verlieren? Ob ich's verschenkt hab'? Ja, gewiss! Einem Armen? Ich weiss nicht . . . Vielleicht, vielleicht auch nicht . . . Hör' zu, vielleicht wirst Du's wissen! Auch gestern ging die Sonne so schön unter . . . Vielleicht noch schöner . . . Du hast mich sehen gelehrt, und ich seh' nun und schau', was andere meinesgleichen nicht sehen . . . Deshalb gehe ich ja gewöhnlich allein spazieren . . . Ich ging hinter die Stadt, dort wo man sie im ganzen sieht, am Teiche, Da weisst doch . . . Die Häuser steigen übereinander in die Höhe, eines über dem zweiten . . . Die weiterstehenden wollen über die anderen hinüberschauen, Gottes Welt sehen, und steigen immer höher und höher hinan, und die untergehende Sonne blickt sie an, breitet ihre letzten Strahlen über sie aus . . . nimmt Abschied . . . küsst sie . . . Und ich seh', wie die Schatten unter den Strahlen dahinjagen, wie sie immer dicker und dicker werden, und hinfliessen und sich einsaugen, wo sie nur können. Sie füllen die Lücken zwischen den Häusern, die freien Stellen zwischen den Mauern und heben das rötliche Licht empor und treiben es hinauf, zurück in den Himmel . . . „Zur Ruhe, Strahlen, jetzt ist unsere Zeit! . . . Gute Nacht!" Und allmählich wird es dunkler und dunkler, der Himmel wird immer tiefer . . . bald wird ein Stern nach dem anderen sich entzünden ... So kam ich in die Tischler- Gasse, w die hintere Gasse, die so stark bergab geht . . . bis zum Teich, nicht weit von der grossen Schul*) . . . Ich ging näher an die Schul heran . . . Bei Tag sieht sie schrecklich aus, . . . armselig, verwahrlost, düster . . . Die Spinnen haben Mitleid und verstellen mit ihren Geweben die Eensterhöhlen ohne Scheiben . . .Und— gegenüber auf dem Berg, am Anfang der Gasse das Kloster mit seinem hohen Turm, — das lacht! . . . In der Dämmerung aber sah die Schul ganz anders aus . . . Das erstemal sah ich sie so .... Ein leichter, lieblicher, dunkelblauer Nebel umhüllte sie ... Die Fensterhöhlen waren nicht blind, sondern schauten ernst und tief in die Welt hinein . . . Oben *) Schul hedeixtet im Jüdischen: Bethaus, Synagoge. 118