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Jüdischer Almanach · 1904-01-01 · 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe · p. Seite 119

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
Date
1904-01-01
Page
Seite 119 (sequence 135)
Language
German
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IRI
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die Gesimse lebten, rührten sich fast . . . Einige Löwen am Gesimse wollten sich losreissen . . . Im nächsten Augenblicke mussten sie zu brüllen anfangen! . . . Glaubst Du, dass das schon das Geheimnis ist? Oh nein, Mamyschi! Das alles hab' ich eigentlich erst jetzt gesehen, erst heute mit meinen Augen von gestern. Ach, Mamyschi, wenn ich reich wäre! . . . Was ich da thun wollte? Die Schul würde ich aufrichten. Sie soll auch hoch sein, auch zum Himmel ragen; und höher muss sie sein, weil sie niedriger steht. Und ein goldenes Dach muss sie haben, und goldene Fenster! Hörst, Mamyschi, ich denk' mir so: Ohne Schul kann man auskommen, Gott ist doch überall . . . Jede Thräne, die fällt, die sieht er! Wer die Augen zu ihm aufhebt, den sieht er! Wenn ein trauriges Herz seufzt, er hört es!--Aber hat man schon eine Schul, so muss sie hoch, schön und strahlend sein. Solche Gedanken hatt' ich auch gestern ... als ich plötzlich ein Weinen hör', ein stilles, trauriges Weinen . . . ein süsses und trauriges, ein so herziges . . . Wenn Du auf dem Piano spielst, bringst Du manchmal so ein Weinen heraus . . . Und ich glaubte, Mamyschi, — um die Wahrheit zu sagen, ich wollte nur so glauben, ich habe mich eigens nicht umgeschaut, um länger so glauben zu können —, dass es aus der Schul heraus weint und summt . . . dass dort drinnen, in einen bläulichen Nebel gehüllt, die Seele der armen Schul sitzt und weint und summt . . . Sie klagt, weil die Sonne sie zurücksetzt, ganze Bündel Lichts auf das Klosterdach wirft und ihr einen Strahl kargt . . . ihr am schönen, hellen Tag als Almosen einen blassen Strahl hinwirft, der über sie hinschleicht und, wie verschämt, sich bald.^von ihr hin wegstiehlt! . . . Aber es war nicht die Schul . . . Ein kleines Mädchen war es . . . Sie lag auf dem Boden, suchte etwas und weinte . . . Als ich mich umblickte, sah ich nur ihr altes, abgetragenes Kleid wie einen dunkelgrauen Fleck auf dem gelben Sand . . . ein Paar ausgetretene Schuhe . . . Noch etwas sah ich . . . Mamyschi . . . ich schäm' mich ... es wird mir so warm . . . Stell1 Dir eine Flut roter, rotflammender Haare vor . . . Funken sprühten sie . . . „Warum weinst Du, mein Kind, was suchst Du im Sand?" 119

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