Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 103 (sequence 119)
- Language
- German
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Weg der Frevler gedeiht"*); denn das Bewusstsein der moralischen Notwendigkeit für die Herrschaft der Gerechtigkeit auf dem himmlischen Throne ist in ihm stärker als der Augenschein. — „Aber zur Bede will ich Dich stellen!**) ruft ohne Zagen und Zittern der irdische Vertreter der Gerechtigkeit dem himmlischen zu. Dieses „zur Rede stellen" lindert ein wenig seinen Schmerz, und er fährt fort, für seinen Gedanken zu wirken und auf seinem Posten auszuharren. Diese Propheten der Gerechtigkeit, die in ihrem Geiste die Schranken der Völker und Länder durchbrachen und Recht und Gerechtigkeit gegen das ganze Menschengeschlecht predigten, hörten zwar andrerseits auch nicht auf, treue Söhne ihres Volkes zu sein. Auch sie sahen in ihm das auserwählte Volk, und wo sie von ihm sprechen, scheint es, als wollten sie von keinem andern mehr wissen. Aber ihre Hinneigung nach einer Seite hin, nach der Seite jenes universalistischen Ideals, beeinflusste auch ihren Nationalismus, der nur eine Fortsetzung ihres Grundgedankens ist. Denn bei aller Festigkeit ihrer Ueberzeugung von dem Triumph der absoluten Gerechtigkeit beweist doch der Umstand, dass sie zuweilen ihre Blicke auf das „Ende der Tage" richteten, — dass sich in ihnen manchmal die Erkenntnis regte, welch ungeheure und schwierige Arbeit der Menschheit bis zur Erreichung jenes Zieles bevorstand, und dass eine derartige Arbeit durch einzelne und vereinzelte Arbeiter, die sich ihr, ein jeder für sich getrennt, an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten mit dazwischen liegenden Unterbrechungen widmen, nicht erfolgreich durchgeführt werden kann. Daher hielten sie eine ganze Gesellschaft für notwendig, die von Geschlecht zu Geschlecht, ununterbrochen, eine „ständige, besondere Trägerin" der Kraft der Gerechtigkeit bilden sollte, gegenüber den anderen Kräften, die die AVeit beherrschen; die aus freien Stücken diesem „Dienst" sich widmen, die für immer die absolute Alleinherrschaft eines einzigen Gedankens anerkennen und seinetwegen in einem ewigen Kriegszustand mit dem AVeltlauf zu bleiben entschlossen sein sollte. Dieses grosse und erhabene, aber durchaus nicht angenehme und ehrenvolle Amt sahen die Propheten — in ihrer Gewohnheit, die Wünsche ihres Herzens in der äusseren Wirklichkeit realisiert zu sehen — auf den Schultern ihrer kleinen, von ihnen so sehr geliebten Nation ruhen. Ihr nationales Ideal war nicht ein „Reich von Priestern", sondern, wie einst Moses rief: „0, dass doch das ganze Volk Gottes Prophet wäre!" und dass auch dieses seinerseits zu einer Elementarkraft werde, der Kraft der Gerechtigkeit, welche zu der zusammengesetzten Harmonie des allgemeinmenschlichen Lebens überhaupt in demselben Verhältnis stünde, in welchem sie. selber zu seinem nationalen Leben im besonderen standen. *) Jeremias 12, 1. **) Ib. 103