Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 100 (sequence 116)
- Language
- German
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veränderlich, die äussere Form des Lebens fortwährend verändert, — dieser ursprüngliche Gedanke geht zusammen mit den ihn vertretenden Propheten zu Grunde, und*was übrig bleibt, das sind bloss einige wenige Wirkungen, ein flüchtiges Gepräge, das die vorher herrschende Lebensordnung während der kurzen Zeit seines Bestehens durch ihn erhalten hat. Die Priester aber scharen sich am diese alte Lebensordnung und suchen sie in ihrem Bestände zu verteidigen, wegen des prophetischen Gepräges, das ihr aufgedrückt ist. * v Auch den anderen Nationen erstanden zu verschiedenen Zeiten Propheten, die wie Fleisch gewordene Gedanken umherwandelten, deren Prophetie, nachdem sie die mittlere Bewegung mehr oder weniger nach einer bestimmten Seite hin abgelenkt hatte, vom Schauplatz verschwand und die Ergebnisse ihrer Wirksamkeit in den Händen der Priester zu ewiger Bewahrung zurückliess. Aber in grösserem Maasse als bei allen anderen Nationen war die Prophetie in alter Zeit herrschend in Israel, nicht als zufällige, vorübergehende Erscheinung, sondern ununterbrochen im Laufe vieler Generationen, als wäre sie eine diesem Volke innewohnende Eigentümlichkeit, die seiner nationalen Eigenart entspringt. Der Kerngedanke der jüdischen Prophetie war die Herrschaft der absoluten Gerechtigkeit in der gesamten Schöpfung; oben —durch den „himmlischen Richter", der die Wage der Gerechtigkeit in seiner Hand hält, um seine Geschöpfe nach Gerechtigkeit zu richten; unten — durch den irdischen Richter, den Menschen, der, in Gottes Ebenbilde geschaffen, verpflichtet ist, Gott nachzustreben und ihm gewissermassen in der gerechten Leitung des Weltalls behilflich zu sein. Dieser Gedanke mit all seinen religiösen und ethischen Konsequenzen war das Lebenselement des jüdischen Propheten. Es war für ihn die Gesamtheit des Wirklichen, ausserhalb dessen nichts für ihn existierte. Die Gerechtigkeit ist die Schönheit, die Güte, die Weisheit und die Wahrheit, und über sie hinaus ist alles wertlos. Sah er irgendwo eine Ungerechtigkeit, sei es seitens des Menschen oder seitens der Vorsehung, bemühte er sich durchaus nicht, deren Ursachen nachzuspüren, wollte er nicht die Notwendigkeit berücksichtigen und die Thäter rechtfertigen, Hess sich aber auch andererseits nicht an der Macht der Gerechtigkeit und an der Möglichkeit ihres endlichen Sieges irre machen, sondern — grollte, machte seinem Unmut in flammenden Strafreden Luft und zog dann seines Weges weiter, den Kampf für sein Ideal wieder aufnehmend und sich der Hoffnung hingebend, dass am letzten Ende, nach einer bestimmten Zeit oder auch am „Ende der Tage" die Gerechtigkeit zur Alleinherrschaft in derWelt gelangen werde. „Gerecht bist du, o Gott!" — daran kann der Prophet keinen Zweifel hegen, selbst wenn er mit eigenen Augen sieht, dass „der 100